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Der Roman entsteht seit dem 7. September 2026 öffentlich. Jeden Werktag kommt ein neuer Abschnitt hinzu.


1
 - Vincent:

Kopf zerschmettert. Mit einem Wasserrohr.
Keine Ahnung, warum das alles so einwandfrei geklappt hat. Irgendwie war alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Ihre Eltern waren zum Einkaufen gefahren. Zusammen mit meinen Eltern. Deshalb waren wir alleine in diesem alten Steinhaus irgendwo in Italien. Umbrien, glaub ich. Sonst waren wir immer in der Toskana, aber Umbrien ist billiger. Ursprünglicher, meinte mein Vater. Jedenfalls saßen wir an dem großen alten Tisch im Garten. Sie hieß Elin und war neun, kam aus Island und war genauso hellblond, wie ich mir Menschen von dort immer vorgestellt habe. Mit so Gletscheraugen, aber in lustig. Ich hieß, also ich heiße immer noch Vincent und damals war ich zehn. Also letzten Sommer. Wir sitzen da so und schauen uns an, was gerade so viral geht. Ein Krokodil beißt einem Elefanten den Rüssel ab, irgendein Wal springt aus dem Wasser und lässt sich auf eine Fähre fallen. Mit Absicht. So Sachen eben.
Und dann ist da plötzlich die Schlange.
Also nicht auf dem Handy, sondern an der Hauswand von diesem umbrischen Haus. Direkt hinter Elin. Ich sitze gegenüber von Elin, deshalb sehe ich, wie sie sich in den Mauerritzen die Wand hochschlängelt und sich wahrscheinlich jeden Moment auf Elin stürzen und sie bei lebendigem Leib verschlingen wird. Oder ihr Gift in Elins Adern spritzt. Oder sie erwürgt. Was Schlangen eben so machen.
Also sage ich: „Keine Bewegung!“
Zu Elin natürlich, nicht zur Schlange. Und Elin bleibt ganz ruhig sitzen und ich stehe auf und finde, kein Scheiß jetzt, sofort ein Wasserrohr. Musste mich nicht mal umschauen, nicht irgendwas suchen. Lag da einfach wie so ein Bonus im Gras.
Und ich…
Ich hab noch nie was getötet, also Fliegen, Ameisen und Mücken vielleicht, aber nichts Richtiges … ich nehm das Rohr und zerschmettere der Schlange den Kopf.
Elin ist gerettet.
Und als ich das am Abend Elins und meinen Eltern erzählen will, hören sie überhaupt nicht zu. Unterhalten sich über Waschbeton und Lasagne. Und so ist das immer. Als gäb’s mich gar nicht. Als wär’ ich gar nicht auf der Welt.
Da soll ich doch froh sein, sagt Paul, mein großer Bruder. Du kannst machen, was du willst. Du fliegst unterm Radar.
Ich hab aber keinen Bock unterm Radar zu fliegen. Auch wenn Paul sagt, dass es das Beste ist, was mir passieren kann. Weil Paul musste wegen jedem Scheiß tagelang diskutieren. Mehr Taschengeld, eigenes Handy, erst bis zehn raus, dann elf, jetzt Mitternacht. Dafür müsste ich ihm eigentlich noch etwas zahlen. Wenn ich mal so alt bin wie Paul jetzt, interessiert das alles keinen mehr.
Ich will aber, dass sich jemand dafür interessiert, dass sich jemand für mich interessiert.
Dass meine Mutter mich mal fragt, was ich den ganzen Tag so gemacht habe. Dass mein Vater mir mal sagt, wo’s lang geht. Ich will Hausarrest oder Handyverbot. Klingt bescheuert, ich weiß, aber es dreht sich immer alles nur um Paul.
Paul ist betrunken nach Hause gekommen.
 Paul hat eine Fünf in Mathe.
 Pauls Versetzung ist gefährdet.
 Paul, Paul, Paul.
Ist ja nicht so, dass ich ihn nicht mag. Ich finde ihn sogar ziemlich cool. Er macht zum Beispiel superkrasse Videoclips mit Aysha, seiner Freundin. Sie ist das unfassbarste Mädchen der Welt und tanzt zu völlig abgedrehter Musik in den Videos. Er zeigt mir immer die neuen Moves, die Aysha in den Videos bringt, und ich kann sie nachtanzen.
Aber dass sich immer alles nur um ihn dreht, ist zum Strahlkotzen.
Wenn Paul zum Beispiel nach Hause kommt und ohne Hallo zu sagen in sein Zimmer geht, dann ist richtig Alarm.
Wenn ich nach Hause komme, kann ich froh sein, wenn das überhaupt jemand merkt.


2 - Eva:

Die Schrittfolgen sind nicht das Problem, die kann ich mir gut merken. Aber jetzt müssen wir auch noch Body Percussion machen. Wir sind zu viert und dazu natürlich Aysha als Center. Die Musik ist so laut, dass man sie wahrscheinlich bis auf die Straße hört. Dabei sind wir im dritten Hinterhof.
Paul filmt, wir tanzen zu Camille. „Home is where it hurts“. Ich weiß nicht, wo Aysha diese seltsamen Songs immer findet. Vielleicht auf den Playlists ihrer Mutter, die ist ja schon etwas älter. Von uns jedenfalls hört niemand solche Musik.
Vincent, Pauls kleiner Bruder, kommt durch die Einfahrt. Er war wohl einkaufen, denn an seinen Händen baumeln zwei von diesen superdünnen, milchigen Hemdchen-Beuteln aus Polyethylen. Wieso geben ihm seine Eltern keinen Stoffbeutel mit?
Und wieso verschenken die türkischen Gemüsehändler diese PE-Beutel einfach?
Eine Belohnung für Vergesslichkeit?
Wenn ich einkaufen gehe und meinen Stoffbeutel vergesse, muss ich mir für 25 Cent eine Papiertüte kaufen, die ich dann mit schlechtem Gewissen so lange benutze, bis sie reißt.
Vincent bleibt hinter Paul stehen und stellt die zwei Gratis-Mikroplastikbomben auf dem Boden ab und wippt leicht mit dem Oberkörper, dann hat er den Beat und tanzt alle Moves mit, die Aysha vortanzt. Aysha und die anderen Mädchen haben Rhythmus in den Gliedmaßen oder Hüften, aber bei Vincent sieht es aus, als habe er den Beat in jeder einzelnen Zelle. Seine Bewegungen sind scharf und präzise. Er folgt keinem Takt, er ist der Takt und ich kann bis hier hinten bei den Mülltonnen spüren, wie er sich über die schwierigen Schritte und Moves freut, die problemlos aus ihm herausfließen.
Eigentlich müsste Paul sich mal umdrehen und seinen kleinen Bruder filmen. Wo der das bloß her hat?
Ob Paul sich auch so elegant und flüssig bewegen kann?
Würde ihm gut stehen.
Würde zu ihm passen.
Aber Paul filmt immer nur. Vielleicht weil Aysha seine Freundin ist. Vielleicht würde er auch gerne tanzen, aber weil er in meine beste Freundin verliebt ist und sie unbedingt diese Videoclips haben will, turnt er immer nur mit dem Handy um uns rum. Dabei merkt man, dass er ein super Gefühl für Bewegung hat, sonst könnte er unseren Tanz nicht so gut filmen. Wenn man sich die fertigen Videos anschaut, denkt man immer, die Kamera tanzt mit. Wahrscheinlich haben wir, also vor allem Aysha und Paul, auch deshalb schon über 14.000 Follower.
„Aus! Scheiße!“, brüllt er plötzlich.
Ich habe zunächst gar nicht mitgekriegt, was los ist, aber dann sehe ich diesen seltsamen Kallo, der aussieht wie ein hinterlistiges Frettchen mit zu großen Ohren, quer über den Hof laufen, und zwar einfach zwischen Pauls Kamera und uns durch.
„Wieso läufst'n du mitten durchs Bild, du Jürchen?“
Wir drehen gerade unser Bewerbungsvideo für die International Dance-Competition und das darf nicht geschnitten werden. Zweieinhalb Minuten am Stück und es lief gerade richtig gut, keine Fehler, und wir waren fast durch. Und dann läuft dieser Kallo durchs Bild und jetzt müssen wir alles noch mal tanzen. Klar, dass Paul da ausrastet. Wir alle eigentlich.
Aber dieser Kallo lässt Paul einfach schimpfen. Scheint ihm völlig egal zu sein. Dabei ist er höchstens elf und dünn wie ein Essstäbchen. Paul ist ein durchtrainierter Sechzehnjähriger. Da wäre ich an Kallos Stelle vorsichtig, aber der ruft laut „Hey, Vincent!“, geht direkt auf Pauls kleinen Bruder zu und klopft ihm auf die Schulter.
Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass die beiden befreundet sind.


3 - Vincent:

Dieser seltsame Kallo lässt Paul einfach schimpfen, kommt direkt auf mich zu und klopft mir auf die Schulter, als wären wir gute alte Freunde.
Sind wir natürlich nicht, Kallo und seine Familie sind erst vor ein paar Monaten hergezogen, wohnen im dritten Hinterhaus.
„Lass mal’n bisschen auf Streife gehen“, sagt er. Er hat so eine Art, ich weiß auch nicht genau, so vertraut, als würden wir uns schon ewig kennen, und ich will ihm noch klarmachen, dass ich erst die Einkäufe hochbringen muss, da sagt er schon: „Kann Paul doch machen, ihr wohnt doch in der gleichen Wohnung“ und meint das völlig ernst.
Geht natürlich gar nicht, Paul würde ausrasten und eigentlich habe ich auch überhaupt keinen Bock, jetzt durchs Viertel zu latschen. Trotzdem sind wir zehn Minuten später unterwegs.
Naja, Kallo eben.
Egal was er vorschlägt, man kann einfach nicht Nein sagen. Ich kann nicht Nein sagen. Jedenfalls ziehen wir jetzt die Landwehrstraße lang.
Ist meine Lieblingsstraße.
Wenn da abends die Sonne in die Gemüsestände reinscheint und die Tomaten, Zucchini und Paprika so unfassbar leuchten, als wären da Glühbirnen drin und wenn man alle möglichen Sprachen hört und überall Männer sitzen, die Tee trinken und rauchen und verschleierte Frauen riesige karierte Tüten durch die Gegend schleppen und wenn es an jeder Ecke anders riecht, nach Shisha, Douglas, Döner, Tee, keine Ahnung, dann denke ich immer, ich bin ganz weit weg, irgendwo wo ich noch nie war, obwohl ich gleich um die Ecke wohne.

Ein Mann mit nur einem Bein lacht uns an und schüttelt seinen Pappbecher, in dem zwei, drei Münzen klappern. Ich kenn’ ihn. Der ist schon seit Jahren hier im Viertel unterwegs und wenn ich Kleingeld dabei habe, geb’ ich ihm immer was. Dann lächelt er und guckt ganz warm und freundlich. Vielleicht ist er auch nur betrunken und ich muss immer daran denken, wie mein Vater mir mal erzählt hat, dass in manchen Ländern Leute verstümmelt werden, damit sie besser betteln können. Die Verstümmler sind dann die Chefs und die Verstümmelten müssen für sie arbeiten.
Also betteln.
Fuß ab oder Bein ab und den Stumpf nicht verstecken, sondern zeigen. Dann haben die Leute mehr Mitleid und Mitleid ist gut. Mitleid ist bares Geld.
„Bargeld? Geht’s noch?“, fragt Kallo den Einbeinigen und schaut in den Pappbecher. „Mach mal’n PayPal-Konto auf oder besorg’ dir wenigstens ein Kartenlesegerät … Bargeld! Nicht dein Ernst, oder?“
Dann lacht er sich weg, der Einbeinige schaut verwirrt. Wahrscheinlich hat er nichts verstanden und lacht einfach sicherheitshalber mal mit. Ich lächle den Einbeinigen kurz an, weil das natürlich schon irgendwie peinlich ist, aber auch… naja, Kallo eben.
„Also nächsten Samstag kommst du mit, ja?“, fragt Kallo nochmal, aber eigentlich ist das gar keine Frage, sondern mehr eine Feststellung. Er textet mich schon seit ein paar Wochen voll von so einer Gruppe, die zelten geht und Lagerfeuer macht.
„Schon ein bisschen so wie Camping“, sagt er, „aber in cool! Keine Wurfzelte oder Elektrogrills, keine Duschkabinen oder Satellitenschüsseln auf den Wohnwagen, verstehst du? Richtig draußen. Im Wald!“, schwärmt er.
Auf Wald hab’ ich eigentlich gar keinen Bock, aber ich ahne schon, dass er nicht locker lassen wird.


4 - Vincent:

Wir kommen an Kayas Gemüseladen vorbei. Auf der Scheibe glänzt die schöne rote Schrift mit den goldenen Schatten in der Abendsonne. 'KAYA' steht da und darunter, etwas kleiner 'Lebensmittel - Obst - Gemüse'. Hab ich schon als ganz kleines Kind geliebt, diese Schrift. Da konnte ich noch gar nicht lesen. Kallo nimmt sich einen Apfel aus der Auslage und geht weiter, als wäre das völlig normal. Ich denke, das kann er doch nicht machen, so ein Apfel kostet mindestens 50 Cent, ist ja schließlich was anderes, als wenn man mal eine Traube probiert. Das ist völlig okay bei Kaya. Ich drehe mich nervös um. Hoffentlich hat Kaya das nicht gesehen.
An der nächsten Ecke hält ein schwarzer Kleinbus Mercedes Vito, Edelausstattung, superteure Alufelgen, getönte Scheiben, elektrisch öffnende Türe und wer steigt aus? Sieben oder acht völlig abgerissene Typen. Zwei mit Krücken, die sie eigentlich nicht brauchen, zwei mit nur einem Arm.
„Schichtwechsel“, sagt Kallo.
Tatsache. Die einen steigen aus, die anderen ein. Ich könnte sie nicht unterscheiden. Höchstens an irgendwelchen fehlenden Körperteilen.
Überhaupt, wenn ich mit Kallo unterwegs bin, sehe ich plötzlich Sachen, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren. Zum Beispiel der junge Typ da mit der ewig weiten Jeans, die so tief sitzt, dass man den Po sehen könnte, wenn er keine Unterhose anhätte und dieser riesigen gelb-rot-grünen Wollmütze auf dem blauschwarzen Kopf. Liegt in der Einfahrt neben dem Aldi und schläft tief und fest.
Einfach so.
Auf dem Boden.
Und die zwei Typen, die sich laut mit einer alten Frau streiten, die fast keine Zähne mehr im Mund hat und die in einer Sprache rumschreit, die sich anhört wie erfundenes Italienisch. „Die zwei stehen jeden Morgen am Bulgaren-Strich und warten auf einen Job, dabei sind die aus Rumänien. Gibt natürlich jedes Mal Ärger.“, sagt Kallo.
„Was ist denn der Bulgaren-Strich?“
„Alter, seit wann lebst du denn hier? Morgens um sieben stehen alle Bulgaren immer hier an der Ecke, dann kommt irgendein Häuptling und liest vor, was er heute braucht. Klempner, Dachdecker, Zimmerleute oder einfach nur Zeug in Regale räumen. Und jeder, der eine von den Sachen beherrscht, meldet sich und kriegt dann vielleicht einen Job. Für einen Tag. Weil morgen geht das Spiel wieder von vorne los.“
„Okay und wieso Strich?“, frage ich und Kallo schaut mich an und schmeißt sich weg vor Lachen.

Unser Viertel hat mir immer gut gefallen. Hier ist wenigstens was los. Paul, Aysha und ich haben mal Eva, Ayshas beste Freundin von zuhause abgeholt. Schicke Häuser, aber total tote Gegend. Keine Geschäfte, keine Lokale und auf den Straßen nur Menschen, die ihre Hunde ausführen oder schnell in ihre Autos steigen. Aber hier in der Landwehrstraße sind immer Menschen unterwegs und die meisten haben keine Hunde und schon gar keine Autos. Es gibt jede Menge seltsame Geschäfte. Man kann sich Dreadlocks machen oder die Fingernägel polieren lassen, Zahngold gegen Geld eintauschen oder E-Mails schreiben, auch wenn man keinen eigenen Computer hat, aber wenn ich mit Kallo unterwegs bin, frage ich mich oft, ob sich wirklich so viel verändert hat, oder ob es mir früher einfach nicht aufgefallen ist, weil ich da ja eigentlich noch ein Kind war. Okay, mit elf ist man offiziell auch noch Kind, aber eben anders als mit sieben, acht oder neun.
„Also, bis Samstag“, sagt Kallo und dann fragt er noch, ob ich ein Fahrrad habe.
Ein Fahrrad?
„Ja, wir machen eine Tour an den geheimen Waldweiher!“
Na super. Ich habe zwar ein Fahrrad, aber das darf man nur so nennen, weil es Räder hat und fährt. Mehr oder weniger. Eigentlich ist es ein Müllhaufen.
Habe ich natürlich Paul zu verdanken.
Wie immer.
Wie alles.
Ich glaub’, ich habe noch nie was Neues bekommen, immer nur die alten Sachen von Paul und weil der echt eine Schlappsau ist, sieht das Fahrrad so aus, wie es eben aussieht und dann ist auch noch die Schaltung kaputt. Man kann nur noch in einem Gang fahren. Also, wenn ich beten würde, dann dafür dass, unterwegs keine Berge auftauchen. Aber ich bin ja nicht in Reli, sondern in Ethik. Also bete ich nicht.


5 - Vincent:

Ich hätte beten sollen.
Vielleicht hätte es ja geholfen.
Muss irgendwie der 21. Gang gewesen sein, bei dem die Schaltung ihren Geist aufgegeben hat. Die andern alle so im Sitzen, als wär’ das nur ein kleiner Hügel und ich stehe schon seit mindestens einem Kilometer in den Pedalen und weiß, dass es gleich vorbei ist, dass ich gleich keine einzige Umdrehung mehr hinkriege, da spüre ich plötzlich eine sanfte Berührung am Rücken, die langsam stärker wird und plötzlich geht’s leichter und leichter und ein lächelndes Gesicht mit roten Backen taucht neben mir auf. Jetzt check’ ich erst, was passiert.
Tomate schiebt mich an.
Tomate, also das muss ich vielleicht kurz erklären.
Die meisten bei diesem Verein haben einen Spitznamen, den man sich irgendwie verdienen muss oder verliehen bekommt und erst dann ist man ein richtiges Mitglied in dem Klub, Verein, der Gruppe … egal. Und der Typ, der mich jetzt ganz sanft aber kraftvoll, den Berg hoch schiebt, heißt Tomate. Also mit Spitznamen. Normal heißt er Thomas und ist schon achtzehn und Stammführer. Und wenn einer Thomas heißt und rote Backen hat und einen Spitznamen braucht… ist ja wohl klar, muss man nicht weiter erklären.
Egal, wo war ich?
Letzter.
Ich war Letzter, genauer Vorletzter, denn hinter mir muss ja wohl Tomate gewesen sein, wahrscheinlich nur damit keiner verloren geht. Jedenfalls, als wir oben auf dem Berg, sind haben wir die anderen eingeholt und jetzt geht’s bergab. Der Fahrtwind kühlt und ich bin echt froh, dass weder Kallo noch die anderen gemerkt haben, dass ich da am Berg fast absteigen musste.
„Musst’ mal ein bisschen trainieren“, sagt Tomate, der immer noch neben mir fährt. Und ich sag’: „Nee, die Gangschaltung ist im Eimer“ und er so: „Schau ich mir mal an, wenn wir da sind“.
Vor uns taucht eine Schranke auf und ein Schild. Privatweg. Aber alle fahren einfach seitlich an der Schranke vorbei.
„Passt schon, wir dürfen da rein“, sagt Tomate weil ich wahrscheinlich Fragezeichen in den Augen habe. „Aber das wird nicht weitergesagt, das ist unser See. Nichts für Touris oder Ausflügler. Alles klar?“
Ich wüsste gar nicht, was ich da weitersagen könnte. Wir sind erstmal mit den Fahrrädern in die S-Bahn und raus aus der Stadt, aber ich hab Null darauf geachtet, wohin. Dann sind wir mit den Rädern Tomates Spezialweg gefahren. Erst normale Straße, dann Schotter, keine Ahnung wie oft wir abgebogen sind und dann Waldweg. Null Plan, wo wir sind.
Aber es ist wild und schön.


6 - Vincent:

Dann sind wir endlich da und Leute, ich kann das nicht beschreiben. Ich kenne die Worte dafür nicht. Wenn es überhaupt welche gibt. Ein See im Wald, also Bäume, klar jede Menge, aber wie die Sonne da durch die Blätter glitzert… auf dem Boden Moos und Farn und Sonnenstrahlen und es riecht wie… also, wenn einem die Worte fehlen, sollte man vielleicht besser die Klappe halten. Bis heute an diesem Waldweiher, hatte ich einen Lieblingsgeruch, den ich auch nicht so richtig beschreiben kann, weil der geht damit los, dass man erstmal schulfrei haben muss, sonst funktioniert er nicht. Also schulfrei, frische Brötchen und Teer, checkt ihr? Alle müssen arbeiten, der Bäcker, die Straßenarbeiter und du selbst hast frei und läufst ganz gemütlich durch die Gegend und dann schleicht sich dieser Geruch in die Nase.

Egal, wo war ich?
Am See.
Bei meinem neuen Lieblingsgeruch.
Am geheimen Waldweiher.
Wir sind ziemlich durchgeschwitzt und deshalb springen alle sofort ins Wasser. Normalerweise geh’ ich lieber ins Schwimmbad, da ist alles schön glatt und die türkisfarbenen Kacheln helfen nach, damit die Farbe vom Wasser stimmt. Naturwasser ist also eher nicht so mein Favorit. Ich mein’ da schwimmen immer so komische Sachen drin rum, bei denen man nie weiß, lebt das jetzt, beißt das oder ist es nur ein Blatt? Und auf dem Grund liegen irgendwelche Sachen, die man nicht sieht und dann eben drauf tritt.
Autoreifen, Einkaufswägen, menschliche Überreste.
Aber hier?
Nichts davon.
Der Boden ist so weich, dass man auch dafür ein neues Wort erfinden müsste. Waldwasserweich oder so. Kein Sand, aber auch kein Schlamm und das Wasser ist so klar, dass man nur am Schatten, den die kleinen Wellen auf den Grund werfen, und am Gefunkel obendrauf erkennt, dass da überhaupt Wasser ist.
Natürlich hält das schöne Bild nicht lang, weil wir sind ungefähr 20 Leute und wir wollen alle rumtoben und uns nass spritzen und was Besseres gibt es gerade nicht. Also fliegen jetzt Millionen glitzernde Wasserperlen durch die Luft und ich kann mich nicht erinnern, jemals sowas Schönes gesehen zu haben, was gleichzeitig so viel Spaß macht.
Die Rumtoberei dauert so ungefähr eine halbe Stunde und dann schreit Tomate ‚Alle raus! Wir bauen ein Floß!‘
Und echt jetzt, das haben wir dann auch gemacht. Manche haben kleine Beile dabei und Messer. Tomate hat sogar eine Säge. Wir rennen in den Wald und keine fünf Minuten später kommen alle wieder zurück mit Ästen und Baumstämmen und wir binden alles so zusammen, dass am Ende ein echtes Wunder am Seeufer liegt.
Ein Floß, das genau so aussieht, wie man sich ein Floß vorstellt und dann kommt Wunder Nummer zwei: Es schwimmt!
Ich mein’, ich hab schon von Flößen in Büchern und Geschichten gelesen, aber das hier ist echt und wir haben es selbst zusammengebaut. Und es schwimmt. Trägt locker fünf Leute.
Wir paddeln mit den Händen raus auf die Mitte des Sees und dort, wo kein Baum mehr einen Schatten wirft und man durch das dunkelblaugrüne Wasser nicht mehr sehen kann, was auf dem Grund verborgen ist, springen wir vom Floß ins Wasser, klettern wieder rauf und springen wieder rein.
Hechtsprung, Arschbombe, Seemanns-Köpfer, egal.
Manche machen einen halben Rückwärtssalto.
Kann ich auch.
Mach ich auch.
Zweimal, dreimal und dann trau’ ich mich und versuche einen Vorwärtssalto. Vom Floß. Das ist nicht ohne, denn das Floß ist gerade mal fünf Zentimeter höher als das Wasser und vor allem, es gibt nach, wenn man abspringt.
Klappt aber und ich springe einen echt gelungenen, sehr eleganten eineinhalbfachen Salto und tauche sauber, fast ohne Spritzer mit dem Kopf zuerst ins Wasser.
Und alle applaudieren.


7 - Vincent:


Am Nachmittag liegen wir faul im Schatten und Tomate schraubt an meinem Fahrrad rum. Also ich schraube schon auch manchmal, aber eine Gangschaltung reparieren? Im Wald, ohne Werkstatt… Hallo? Und das Beste ist, es funktioniert. Die Schaltung geht wieder und ich will wissen, wie er das gemacht hat und Tomate sagt, er bringt mir’s gerne bei. Nächstes Mal, weil jetzt wollen wir ja wieder nach Hause, aber nächsten Freitagabend im Heim gibt er einen Schrauberkurs. Ob ich vielleicht kommen will.
Klar, will ich kommen.
Auf dem Heimweg schalte ich die Gänge rauf und runter wie ein glücklicher Irrer und alle Berge und Steigungen werden zu flachen Rennstrecken. Ich kann mithalten und es ist ein übertrieben gutes Gefühl mit 20 anderen in einer Kolonne zu fahren und dazuzugehören. Ganz vorne fährt Bürste, bei dem man am Haarschnitt sofort erkennt, woher der seinen Spitznamen hat. Bürste also hat eine lange Stange hinterm Sattel und daran flattert das große Banner von unserem Stamm „Florian Geyer“. Dann kommen die einzelnen Horten, immer so acht Jungs und der Hortenführer hat auch eine lange Stange hinterm Sattel und daran flattert der Wimpel von der Horte. Unsere heißt „Jörg von Frundsberg“ und auf dem Wimpel ist ein „Bundschuh“. Hab ich mal gecheckt, das war so ein ganz einfacher Lederschuh, also mehr so ein Stück Leder mit Löchern und erst wenn man einen Riemen durch die Löcher zieht, wird ein Schuh daraus. Wieso wir jetzt so einen Lederschlappen auf dem Wimpel haben, weiß ich auch nicht genau. Ich glaube, weil das mehr so ein einfacher Notschuh für die Bauern und die Armen war. Und die haben ja damals gegen die Reichen gekämpft, oder so.
Egal.
Zuhause fühl’ ich mich wie eineinhalbfacher Salto mit Applaus.
Mein Rad hat 21 echte Gänge, ich kann fliegen, aber als ich die Türe aufschließe, höre ich meine Eltern schon wieder streiten.
Thema?
Warte… muss mal schnell zuhören… wie immer: Geld.
Weil, seit mein Vater seinen Job verloren hat, ist das häufigste Gesprächsthema beim Abendessen Geld. Das ist echt öde und ich komme überhaupt nicht dazu, irgendwas zu erzählen. Vom geheimen Waldweiher, vom Salto, von meinen 21 Gängen. Interessiert keinen.
Wenigstens essen wir noch zusammen.
Ich kenn’ Familien, da isst jeder für sich alleine in seinem Zimmer.
Oder alle zusammen auf der Couch, aber jeder vor seinem Handy.


8 - Kaya:

Ja, ich weiß, diese kleinen Zauberkästchen machen dumm und einsam. Die Kinder stumpfen ab, die Erwachsenen reden nicht mehr miteinander und die Hirne schrumpfen. Sagt man.
Da ist was dran.
Beispiel: Früher hatten wir problemlos zehn Telefonnummern im Kopf und heute haben wir ein Handy. Aber ganz ehrlich, ohne diese kleinen Wundermaschinen wäre mein Leben mittlerweile sehr einsam. Ich habe nicht viele Freunde und meine Familie ist für orientalische Verhältnisse winzig. Genau genommen habe ich nur noch Onkel Ferhat, also bin ich froh, wenn ich einmal die Woche mit ihm sprechen kann. Und das ist was anderes als telefonieren, weil wir können uns ja sehen, so als würden wir am Tisch einander gegenüber sitzen und uns unterhalten. Ich soll ihm dann immer zeigen, wie ich das Sortiment im Laden verteilt habe und jedes Mal gibt er mir überlebenswichtige Tipps, wie zum Beispiel kleine Süßigkeiten immer kurz vor der Kasse zu platzieren. Das weiß die Welt seit mehr als fünfzig Jahren, aber ich mag es einfach, wenn Ferhat mir jedes Mal die immer gleichen Grundlagen seiner Verkaufspsychologie erklärt.
 Ich habe den Laden hier von ihm übernommen. Das ist lange her. Eigentlich habe ich Kunst studiert, worüber die ganze Familie damals sehr unglücklich war.
 Ein Künstler?
Was soll das sein? Ein Mann ohne Brot!
 Dann kam Onkel Ferhat plötzlich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus.
 Er lag auf dem Bett, das Gesicht völlig verbunden, nur die Augen und der Mund waren zu sehen. Die Unterarme waren ebenfalls komplett in weißen Mull gewickelt und standen im 90-Grad-Winkel vom Körper ab. Wie der arme Lehrer Lämpel, dem Max und Moritz Schießpulver in die Pfeife gestopft hatten. Ja, ich weiß, es klingt ein bisschen seltsam, ein kurdischer Junge, der mit Max und Moritz aufgewachsen ist. Meine Eltern haben es wirklich gut gemeint. Beispiel: Der Begriff Leitkultur war damals noch gar nicht erfunden und ich bin trotzdem mit Wilhelm Busch, Erich Kästner und Michael Ende aufgewachsen.
 Jedenfalls wurde Onkel Ferhats Auto angeblich in die Luft gesprengt. Ich weiß noch, wie er der versammelten Restfamilie den Hergang in seinem lustigen Deutsch schilderte. Er habe sich nach dem Tanken in sein Auto gesetzt, eine Zigarette im Mund, und sich noch gedacht ‚Hm, hat ein bissele stink‘, aber schließlich stand der Wagen an einer Tankstelle, dann habe er die Zigarette angezündet und bumm!
 Die Grauen Wölfe steckten dahinter, behauptete er, und es sei mit Sicherheit ein Anschlag gewesen. Sie hätten ihn über Jahre observiert und daher auch gewusst, dass er im Auto immer rauchte. Ein Spezialkommando! Während Onkel Ferhat im Kassenhäuschen seine Rechnung bezahlte, hätten diese Terrorspezialisten Benzin auf die Rückbank geschüttet, um ihn auszuschalten. Als wäre er ein Agent, ein kurdischer Bond. Als Kinder haben wir solche Geschichten begeistert geglaubt, mit zwanzig dachte ich dann, was für ein Angeber, mittlerweile halte ich alles für möglich. Beispiel: Im Laden steht ein alter Kassettenständer mit noch genau 34 Kassetten. Die Cover sind vergilbt und ausgeblichen, weil niemand mehr Kassetten kauft, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. Vielleicht ist in diesen Kassetten das Geheimnis von Onkel Ferhat versteckt. Verbotene Protestsongs? Andererseits steht da Şivan Perwer in Uniform und mit Keffiyeh auf dem Kopf, neben dem Anadolu-Popsänger Barış Manço mit seinem Jason-King-Bärtchen. Politisch nicht gerade eindeutig.
 Mittlerweile weiß ich nur, dass ich eigentlich nichts weiß. 
Jedenfalls war die ganze Geschichte für Onkel Ferhat der Anlass, unterzutauchen, und ich musste ihm feierlich versprechen, sein Lebenswerk fortzuführen. 
Also diesen kleinen Lebensmittelladen hier mit dem alten Kassettenständer.
 Einmal die Woche telefonieren wir mit diesen kleinen Wundermaschinchen und wenn ich ihn zum Beispiel kaum sehen kann, weil es um ihn herum stockfinster ist, erklärt er das damit, dass man aus dem Hintergrund auf seinen Aufenthaltsort schließen könne, und das sei momentan einfach zu gefährlich, weshalb er nur aus einem abgedunkelten Keller mit mir telefonieren könne.
Wie gesagt, er ist sehr amüsant.
 Manchmal habe ich den Verdacht, dass er in Wahrheit nur deshalb im Krankenhaus war, weil er immer flüssigen Grillanzünder in die Glut spritzte, wenn es ihm nicht schnell genug ging. Und als das einmal schiefging, hat er die Geschichte ein bisschen umgebaut.
 So hat er sich selbst zum Helden gemacht und mich zum Gemüsehändler.
 Jedenfalls habe ich ihm diesen Laden zu verdanken. Und einiges an Erkenntnissen. Beispiel: Warum hat meine große Liebe, die schönste der Schönen, die unvergleichliche Nadjimi, mich verlassen? Sie war mit ihren Eltern aus Teheran geflohen und wir waren seit der elften Klasse zusammen, ein schönes Paar, wie alle sagten, aber nachdem feststand, dass ich kein vielversprechender Künstler, sondern ein einfacher Bakkal, ein kleiner Krämer, werden würde, war es plötzlich aus. Vielleicht besser so. Ihre Familie hat mich nie wirklich gemocht. Arrogante Perser eben, die immer glauben, sie seien was Besseres.


9 - Eva:

Es hat eine Weile gedauert, bis meine Eltern sie akzeptiert haben. Zwei Jahre, um genau zu sein. Wir waren schon in der Grundschule gute Freundinnen, aber es wurde zunächst nicht gern gesehen, wenn ich Aysha zum Mittagessen mit nach Hause brachte. Da gab es dann immer etwas spitzfindige Fragen, und wenn Aysha erzählte, dass ihre Mutter arbeiten müsse und es deshalb manchmal kein Mittagessen gab, war das Verständnis für diese soziale Härte natürlich groß, aber insgeheim vertrauten meine Eltern wohl darauf, dass wir irgendwann aus dieser Kinderfreundschaft rauswachsen.
So kann man sich täuschen.
Auf dem ersten Elternabend des Gymnasiums, das wir gemeinsam besuchen, haben meine Eltern Ayshas Mutter kennengelernt und waren, wie soll man sagen, sehr beeindruckt. Ayshas Mutter ist Professorin für theoretische Physik. „Mit internationalem Renommee“, wie mein Vater seitdem immer dazu sagt. Klar, er ist Vizepräsident der TUM.
Akademiker unter sich eben.
Wir sind also immer noch beste Freundinnen und seit die Angelegenheit mit dem Standesdünkel zur Zufriedenheit meiner Eltern geklärt ist, darf ich sogar ab und zu bei Aysha übernachten. Dass ich auch in Ayshas Tanzgruppe bin, wissen sie natürlich nicht, und sollten sie aus Versehen mal in die entsprechenden Kanäle schauen und mich dort an Ayshas Seite sehen, würden sie sich wahrscheinlich über unsere kreisenden Hüften genauso aufregen wie ihre Urgroßeltern sich über Elvis, the Pelvis aufgeregt haben.
Seit wir endlich vierzehn geworden sind, gehen wir zusammen ins Fitnessstudio. Diese „kommerzielle Selbstoptimierung“ müssen wir allerdings selbst bezahlen, denn in der freien Natur könnte man sich schließlich genauso gut sportlich betätigen, ohne zu laute Musik, Schweißgeruch und Mitgliedsbeitrag. Sagen unsere Erziehungsberechtigten.
Dazu sag ich jetzt mal nichts.
Oder doch.
Ich gehe ja nicht ins Fitnessstudio, um Vogelgezwitscher zu hören oder dem Förster „Grüß Gott“ zu sagen.
Wir stemmen auch nicht die ganze Zeit Gewichte. Wir wollen ja nicht aussehen wie Hulk. Wir sind einfach öfter mal an der Theke, wo es angesagte Mischgetränke gibt und andere Menschen herumstehen, die man ein bisschen beobachten kann. Mit dem Bezahlen der Getränke wechseln wir uns ab, denn es ist ja ein großer Trugschluss neidischer Freundinnen, zu glauben, wir bekämen astronomische Taschengelder, nur weil der finanzielle Status unserer Eltern das ermöglichen würde.
Im Gegenteil.
Manchmal glaube ich sogar, es verhält sich so, dass je wohlhabender die Eltern sind, desto sparsamer sind sie bei der Finanzierung der Freizeitvergnügungen ihrer Kinder. Ich rede von altem Geld, nur damit wir uns richtig verstehen. Junges Geld schreit nach fetten Logos auf überteuerten Jogginghosen. Junges Geld will um jeden Preis gesehen werden.


10 - Vincent:

Immer geht es um Geld.
Und immer gibt es deswegen Streit.
Unsere Abendessen waren eigentlich immer ganz gemütlich. Wir saßen am Tisch und haben über alles Mögliche geredet. Ich bin zwar nie zu Wort gekommen oder wenn, hat keiner zugehört, aber trotzdem, ich mochte unsere gemeinsamen Abendessen immer. In letzter Zeit ist es aber übertrieben nervig geworden. Weil, mein Vater ist … also war Journalist und hat für eine Tageszeitung hier geschrieben. Eines Tages wollten die, dass er irgendwie anders schreibt, aber er hat gesagt ‚ohne mich!‘
Und die von der Zeitung so: Okay!
Und das war’s dann.
Jetzt schreibt er nicht mehr für die Zeitung, sondern für irgendeine Plattform im Netz und er kriegt auch kein Geld mehr dafür. Und das findet meine Mutter eben voll daneben. „Dumm, verantwortungslos und naiv!“, sagt sie und mein Vater sucht nach Worten.
„Es geht ja schließlich auch um eine Überzeugung… um eine Botschaft…“ und dann stochert er irgendwie hilflos im Essen rum, wie ich, wenn mir keine passende Ausrede einfällt, und sagt „…eine Hoffnung“.
Und jetzt rastet meine Mutter komplett aus. Wie man bitte schön die Miete mit Hoffnung bezahlen soll. „Tach, Herr Vermieter, ich kann gerade nicht zahlen aber geben Sie die Hoffnung nicht auf. Oder wie?“, schreit sie und dann fliegt ein Teller.
Also an die Wand.
Kaputt.
Früher wäre der Teller nicht geflogen. Da hätten sie sich plötzlich angeschaut und dann gelacht, weil sie gemerkt hätten, wie lustig das eigentlich ist, dass der Vermieter die Hoffnung nicht aufgeben soll. Sowas kann nur meine Mutter. Im größten Streit so lustige Sachen sagen. Das macht sie nicht mit Absicht, das rutscht ihr so raus und meistens merkt mein Vater es als erster. Dann gucken sich die beiden einen Moment stumm an und dann prustet einer los.
In letzter Zeit nicht mehr so.
Da wird nicht mehr gelacht, da fliegt jetzt schon mal ein Teller oder Ähnliches.
Ich wollte eigentlich endlich mal vom JungBund erzählen und vom Floß und dass wir das selbst gebaut haben, und dass Tomate das Fahrrad repariert hat, aber die beiden wollen sich lieber streiten und jetzt ist der Teller kaputt und das Floß passt irgendwie nicht wirklich gut neben die Scherben.

Paul kommt nach Hause. Er checkt sofort, was Phase ist und geht direkt in unser Zimmer. Also, eigentlich ist es mehr sein Zimmer. Egal. Er verschwindet ohne ein Wort. Sowas regt meinen Vater wahnsinnig auf. Er will, dass wir eine Familie sind und dass es ein paar Dinge gibt, die einfach selbstverständlich sein sollten. Sich begrüßen zum Beispiel. Er sagt dann immer so Sachen wie „Hey Digga, wie war dein Tag?“ und denkt, das wär lustig.
Heute nicht.


11 - Vincent:

Heute bleibt es still.
„Ich mach dann mal Hausaufgaben“, sag ich in die Stille.
Ist totaler Quatsch, wir haben gar nichts auf, aber ich mag diese Art Stille nicht. Außerdem muss ich Paul endlich mal erzählen, dass sein altes Fahrrad jetzt wieder voll okay und superschnell ist.
Er freut sich sogar drüber.
Hätte ich gar nicht gedacht.
Ich will Paul gerade von der Fahrradtour mit dem JungBund erzählen, da geht die Türe auf und „Hey, Digga…“
Kommt er also doch noch. Paul rollt die Augen, aber so, dass mein Vater es nicht sieht.
„Ja, ich weiß…“, sagt Paul. „Ich dachte nur, ihr unterhaltet euch gerade so gut, da wollt ich nicht stören.“
Ihr unterhaltet euch gerade so gut?
Sein Ernst jetzt?
Natürlich nicht.
Sowas kann Paul. Und er muss kein bisschen lachen, nicht einmal das Gesicht verziehen.
„Heute mal wieder witzig?“, sagt mein Vater, aber er wirkt nicht so, als würde er jetzt ein Riesentheater machen. Er seufzt und setzt sich auf die Bettkante. Paul merkt sofort, dass heute etwas anders ist.
„Wie war dein Tag?“, fragt er also plötzlich ganz ruhig und ernst.
„Ein Scheißtag“, sagt mein Vater und sofort hab ich diesen Song von Stromae im Kopf. Mauvaise journée. Da gibt es die Zeile Journée de merde und ich hab immer gedacht, es geht um die Reise einer Kackwurst durch den Körper, bis sie endlich im Klo landet. Ich hab ja noch kein Französisch und Journée und Journey, egal… was sagt er da?
Dass er jetzt wieder zu seinen Eltern zieht.
Bitte was?
„Nur offiziell. In echt bleib’ ich natürlich hier.“
Paul will wissen, warum.
„Wegen der Grundsicherung“, sagt er und dann noch „Wegen der Zeitung, die mich rausgeschmissen hat, nur weil ich mir nicht den Mund verbieten lasse. Ich bin ja schließlich Journalist.“
Mein Vater zieht zu seinen Eltern?
Wie schräg ist das denn bitte?
Wenn er hier gemeldet bleibt, erklärt er, kriegt er keine Grundsicherung, dann müssten wir mit dem bisschen Geld auskommen, was meine Mutter verdient und das reicht nicht. Also jedenfalls nicht, wenn wir so weiterleben wollen wie bisher.
Als hätten wir irgendwie fett gelebt.
Ich meine, ich muss Pauls alte Klamotten tragen und mit seinem alten Fahrrad rumfahren. Von Tomate und den einundzwanzig neuen Gängen erzähl ich jetzt mal lieber nichts.
„Jedenfalls melde ich mich jetzt um, nur damit ihr Bescheid wisst und euch nicht irgendwo verplappert. Also, ich wohne jetzt wieder bei meinen Eltern. Alles klar?“
„Ja, aber wenn es klingelt und du hier bei uns bist?“
„Wenn ich hier bin, dann nur weil ich Mittagessen mache oder die Wäsche…“
„Die Wäsche?“ Da muss nicht nur Paul grinsen.
„Oder so, ist doch scheißegal… offiziell wohne ich jedenfalls jetzt wieder bei meinen Eltern!“
Und dann geht das Gejammer über die Affen in der Regierung wieder los und er schimpft über die Welt, die jetzt endgültig vor die Hunde geht.
„Ja okay“, sagt Paul zu meinem Vater. „Voll interessant, aber ich muss jetzt echt noch viel lernen.“
„Soll ich dir helfen?“, fragt mein Vater. Ich spür’ richtig, wie stolz er ist, dass ihm das noch eingefallen ist. Ist doch cool, seinem ältesten Sohn bei schwierigen Aufgaben zu helfen.
Mich hat er noch nie gefragt.
„Nur Vokabeln. Vincent kann mich abfragen“, sagt Paul. Na super.
„Okay, ihr macht das schon“, sagt er und schließt die Türe hinter sich.
Und wenn man meinen Vater ein bisschen kennt, dann merkt man, dass er gerade ein wenig erleichtert ist.


12 - Vincent:

„Wo kommt das eigentlich her? Vor die Hunde gehen“, frage ich Paul. Interessiert ihn aber nicht. Er fährt den Rechner hoch und lädt seine neuesten Clips in das Schnittprogramm.
Mal schnell checken.
Ich nehm das Handy und ich lern’ was: Es gab da früher in den Bergwerken so kleine, flache Wägelchen, die mit Gestein beladen wurden und dann aus den niedrigen Stollen gezogen wurden. Die nannte man Hund oder Hunt. Also wenn jemand eine besonders schwere Arbeit erledigen musste, dann ist er vor die „Hunte“ gegangen. Aber es gibt noch eine andere Erklärung, die schlauen Wissenschaftler sind sich da nicht einig: Ein verletztes oder geschwächtes Tier gerät vor die Hunde, also vor die ganze Hundemeute und wird von ihnen gejagt und dann zerfetzt. So Jagdhunde sind ja wie auf Droge und haben nur noch drei schnelle Gedanken: jagen, fangen, zerfetzen!
Paul hat seine Clips auf Final Cut geladen.
Aysha tanzt und ich guck zu.
Er schneidet jetzt einen neuen Clip. Das Gute beim Schnitt ist ja, dass Paul die gleiche Stelle ganz oft wiederholen muss. So oft, bis sie eben passt. Das heißt für mich „Persönliche Extra-Nachhilfestunde“.
Ich stelle mich hinter Paul, der jetzt so vertieft in seine Schneiderei ist, dass er mich überhaupt nicht bemerkt, und Aysha ist mein Personal Trainer. Wir tanzen zu „bal gibi“ von aisu.
Übertrieben krasser Song.
Also, zum Tanzen.
Aber Ayshas Schrittfolgen sind echt kompliziert. Die Schritte selbst gar nicht so sehr, aber die Abfolge. Die muss man sich merken, da darf dir kein Fehler unterlaufen, weil sonst die ganze Choreo in sich zusammenfällt. Gut, dass Paul so viel zu fummeln hat im Schnitt, also wiederholt er die Szene oft genug und am Ende kann ich’s.
Wirklich.
Das ist ein unfassbares Gefühl, wenn deine Füße so rumwirbeln und trotzdem jeder Move stimmt. Bei Aysha sieht es total einfach aus. Das muss es auch, obwohl es total kompliziert ist. Es muss aussehen, als könnte man fliegen, oder als hätte man 21 Gänge und keinerlei Probleme mehr. Keine tellerschmeißende Mutter, keine Arabs vor der Schule, keinen stammelnden Vater, keine Arabs nach der Schule.
Aber dann - Privatstunde beendet.
Paul schickt Aysha die fertige Fassung und sie ruft sofort zurück, findet es super und will sich mit ihm treffen.
Auch gut.
War ein langer Tag und es ist viel passiert und ich bin müde wie ein Sack Kartoffeln. Was denke ich denn da? Gibt es müde Kartoffelsäcke?
Egal, keine Lust jetzt noch was zu checken.
Bald ist Freitag und Tomate macht den Schrauberkurs.
Und ich träume vom Waldsee und vom Floß, vom glitzernden Wasser und von diesem unfassbar guten Tag und die ganze Zeit läuft dieser übertrieben gut gelaunte Song dazu.


13 - Eva:

Also, heute zahlt Aysha.
Wir einigen uns auf Mate und Aysha will gerade bestellen, als sich plötzlich ein tätowierter Bodybuilder, ich schätze mal aus dem Maghreb mit den Worten „Ein Iso, Zitrone“ vordrängelt.
Für solche Herren hat Aysha ein besonderes Faible und natürlich auch das absolute Händchen.
Sie piekt ihm mit dem Zeigefinger in den Bizeps und macht ihn höflich, aber bestimmt darauf aufmerksam, dass eigentlich wir an der Reihe wären. Der Muskelberg aus dem Ahaggargebirge schaut erstaunt nach unten, also zu Aysha, und macht es kurz und knapp. Korrekte Grammatik wäre in einer solchen Situation nur unnötiger Ballast.
„Hast du Problem, Schwester?“
Aysha schaut ihn an, überlegt kurz und sagt dann:
„Ein Problem hätte ich nur, wenn du mein Bruder wärst.“
Der Muskelberg muss nachdenken. Man sieht richtig, wie es in ihm arbeitet. War das jetzt ein Witz? Oder eine Unverschämtheit?
„Egal, ein Iso Zitrone!“
Der schüchterne und für ein Fitnessstudio viel zu schmächtige Typ hinter der Theke bläst sich eine Haarsträhne aus der Stirn und stellt die Iso-Zitrone-Flasche auf den Tresen. Der Muskelberg legt einen Fünf-Euro-Schein daneben.
„Stimmt so“, sagt er und geht zu seinen Fans.
Ein Euro Fünfzig Trinkgeld?
Das sind fast 43 Prozent! Warum macht der das? Vielleicht geht er davon aus, dass 43 % Trinkgeld bei jedem den Eindruck erweckt, er sei ein wohlhabender Mann. Das erklärt auch, warum sich einige junge Männer Autos von ihren Eltern leasen lassen, statt für das gleiche Geld eine bescheidene Eigentumswohnung zu kaufen.
Teures Auto, reicher Mann, junges Geld.
Aysha bestellt zwei Mate und legt einen Fünfer auf den Tresen und der schmächtige Barkeeper nuschelt so was wie „Fünfsechzehn“ und „Pfand“. 16 Cent. Er ist neu hier und will natürlich alles richtig machen.
Aysha schaut ihn an.
„Hey, wir exen hier und stellen die Flaschen gleich wieder auf den Tresen“, sagt sie, aber der arme Kerl schüttelt den Kopf und stammelt „Kannichnichmachen“. Und ich kann leider nicht aushelfen, weil ich gar kein Geld dabei habe. Also, um genau zu sein, ist mein prekäres Taschengeld schon aufgebraucht. So viel zur finanziellen Lage von Töchtern der oberen Mittelschicht.
Aysha rollt die Augen, dreht sich vom Tresen weg und entdeckt den tätowierten Muskelberg, der hinten bei den Umkleiden steht und ein paar blassen Anfängern wahrscheinlich erzählt, wie viel Kilo er stemmen kann und welchen exotischen Sportwagen er sich demnächst zu kaufen gedenkt. Aysha beobachtet ihn eine Weile und ich kann am schlauen Leuchten in ihren schönen Augen erkennen, dass da gerade eine originelle Idee in ihrem Kopf entsteht.
Sie wartet.
Noch ein bisschen.
Und jetzt stellt Mister 43 Prozent seine Iso-Zitrone-Flasche hinter sich auf eine Drückbank, hebt beide Arme, stellt sich in Pose und präsentiert stolz ein paar gut austrainierte, vielleicht auch aufgeblasene Muskelgruppen.
Wozu macht er das schließlich alles hier?
Das ist Ayshas Moment. Sie ist schnell und lautlos wie eine Katze, schnappt sich die Flasche Iso und verschwindet im Damenklo, bevor der Typ seine Muskeln wieder eingepackt hat.
Sekunden später kommt Aysha mit der leeren Flasche zurück, stellt sie vor den schmächtigen Barkeeper auf den Tresen und will das Pfand.
25 Cent gibt’s für die große Flasche.
Zwei Mate.
Stimmt so.
9 Cent Trinkgeld.
Der Muskelberg aus dem Ahaggar-Gebirge dreht sich um und will einen Schluck trinken. Aber die Drückbank ist leer. Seine schöne Iso-Zitrone-Flasche mit den dreiundvierzig Prozent Trinkgeld ist weg.
Was hat er denn? Ich tippe mal, dass er eine sehr eine kurze Zündschnur hat.
Wetten, dass er gleich explodiert?
Eins, zwei ...
Ich taufe ihn Hoggar und die blassen Fanboys weichen erschrocken einen Schritt zurück, als der Vulkan ausbricht.
Ich hake mich bei Aysha unter und jetzt gehen wir boxen.
Der Tag gehört uns.
Ein Supertag.
Nur für Hoggar nicht.
Der steht alleine neben der Drückbank, ohne Fans, ohne Iso Zitrone.
Für ihn also ein richtig ... das Wort verbiete ich mir jetzt.


14 - Vincent:

Ein beschissener Scheisstag, une journée de merde, singt Stromae. Mein Vater hat mich draufgebracht, neulich, als er von der Grundsicherung geredet hat und davon, dass er wieder zu seinen Eltern zieht. Offiziell. Also war es ein Scheisstag für ihn und deshalb ist mir das Lied von Stromae wieder eingefallen. Das ist der Lieblingssänger von meiner Mutter, also eigentlich schon uralt, aber ich hab mir das Lied nochmal angehört, weil es trotzdem ganz cool ist. Ich suche nach einem Video dazu und dann entdecke ich diese drei Tänzer und echt jetzt, das ist übertrieben krass, was die da zusammentanzen. So ganz anders als Aysha tanzt.
Mehr so, als würden sie eine Geschichte erzählen. Sie ziehen sich selbst an ihren Haaren hoch, als würden sie irgendwo im Sumpf stecken, sie kratzen sich am Po, sie geben sich kleine Ohrfeigen wie im Theater, und ich spüre, dass sie etwas erzählen wollen und gleichzeitig richtig schweres Akrobatikzeug machen. Ich verbinde die kleine Box mit dem Handy, max. Volume, spiel den Clip ab und tanze mit.
Ich muss es mir echt drei- oder viermal anschauen, bis ich mir die ganzen Moves merken kann, aber dann fliege ich wieder. Ich brauche keine 21 Gänge, es geht wie von selbst. Ich brauch nur diesen langsamen, etwas stampfigen Beat, meine Beine und meine Arme.
Keinen Kopf.
Keine fliegenden Teller, keine rumschreiende Mutter, keinen stammelnden Vater, kein Stress mit den Arabs. Alles weg. Ich dreh mich und dreh mich und dreh mich und bin weg. Einfach im Lied verschwunden.
Und plötzlich steht Kallo im Raum.
Wie kommt der denn hier rein?
Wie lange ist der schon da?
Mein Stammel-Vater muss aufgemacht haben, klar, denn meine Schrei-Mutter ist arbeiten und wahrscheinlich wollte mein Vater auch an der Zimmertüre klopfen, weil wir das eben so machen bei uns zuhause, aber Kallo war schneller.
Also, Kallo würd’ ich sowas zutrauen. Einfach an meinem Vater vorbei in die Wohnung und die Türe ohne Klopfen aufgerissen und da steht er.
Ich mache das Handy aus.
„Was ist? Auf geht’s, der JuBu ruft!“ Er ist viel zu laut, völlig aufgedreht und er hat neue Klamotten an. Einfarbig beige und blau, keine Muster. Irgendwie elegant, aber total schlicht. Dezent. Erinnert mich an etwas, aber ich komme gerade nicht drauf.
Oder?
Haben die beim JungBund nicht auch alle solche Klamotten? Die haben ja keine Pfadfinder-Kluft, sondern ganz einfache Hemden und Hosen in beige, hellblau und hellgrau. Hört sich langweilig an, ich weiß, aber es sieht nicht langweilig aus, sondern irgendwie stylish.
„Neue Klamotten?“, frage ich und Kallo schaut mich an, dreht sich einmal um seine eigene Achse, als wäre ich ein Spiegel. „Cool, oder?“
Ja, schon irgendwie.
„Was war’n das für’ne Scheißmusik eben?“
„Keine Ahnung. Irgendwas aus Frankreich.“
„Ohlala, musette schwulette?“, sagt er und tut so, als wär das Französisch.
Unfassbar peinlich, das Ganze.
„Und du tanzt dazu? Echt jetzt?“
„Ich tanz’ doch nicht. Ich wollte nur mal wissen, ob das echt so schwer ist wie die immer tun.“
„Sieht voll schwul aus.“
„Genau“, sag’ ich schnell, „und ist auch gar nicht so … also, kann jeder Zweitklässler.“
„Aber nur, wenn er schwul ist.“
Und jetzt schmeißt er sich wieder weg vor Lachen. Ich zieh’ die Mundwinkel nach oben und denk’ mir im gleichen Moment, dass das todesdämlich aussehen muss, weil ich ja eigentlich gar nicht lache.
Ich lächle nicht mal.


15 - Tomate:

Also, ich sag mal so, es gibt viel zu viel dicke Kinder. Das sage nicht nur ich, das sagen alle. Auch Wissenschaftler. Könnt ihr nachlesen. Und das liegt nicht nur am Essen. Das liegt auch an den Handys und zu wenig Sport. Deshalb gibt es bei uns eisern keine Handys.
Und eisern mehr Sport.
Weil, ich sag mal so, Sport wirkt.
Unsere Jungs sind ja schon ziemlich fit. Die Mädchengruppe auch. Aber die können natürlich noch fitter werden. Und vor allem ausdauernder. Mal kurz 100 Meter sprinten kann jeder. Aber über den inneren Schweinehund zu springen, oder wie sagt man, den Schatten überwinden, kämpfen, durchhalten, auch wenn’s mal weh tut… zäh wie Leder eben, sagt man doch so, ja? Also darauf kommt’s an. Und deswegen fangen wir mal ganz gemütlich mit 1000 Meter an. Klingt erstmal viel. Ist aber, wenn man es genau betrachtet, nur ein Kilometer.
Einer!
Ein einziger.
Das ist lächerlich. Fast nichts!
Weil, Leute, ganz wichtig, der Kopf läuft mit. Das ist eine reine Einstellungssache.
Wenn ich mich so umschaue, dann sehe ich hier einige Vierer, vielleicht sogar ein paar Drei-Dreißiger. Manche sind zum ersten Mal dabei, Vincent zum Beispiel. Kallo ist schon länger da, aber den Kilometer ist er auch noch nie gelaufen. Lassen wir uns mal überraschen, wir sind gespannt.
Wir machen das ganz locker, kein Tiefstart aus den Startblöcken, kein Arsch in die Luft, sag ich mal, sondern klassischer Hochstart, ja? Also alle nebeneinander an der Startlinie aufstellen, dann kommt das Kommando „Auf die Plätze“ und alle gehen vor, ein Fuß hinter die Startlinie, Oberkörper leicht nach vorne und sobald alle bereit sind, kommt der Startschuss. Kein ‚Fertig, los‘. Beim Schuss rennt ihr los, als wäre der Teufel hinter eurer armen Seele her. Spaß. Trotzdem, bei einem Kilometer könnt ihr schon von Anfang an einigermaßen Tempo geben. Aber nicht zu viel, teilt es euch ein, ihr braucht noch Kraft für den Endspurt, also:
Auf die Plätze … Ganz schön laut, was?
Glock 17, 9 mm … Spaß. Nachbau. Schreckschusspistole.
Aber da sind schon ein paar ganz schön erschrocken.
So, ich laufe mal ein bisschen mit, dann kann ich vielleicht ein paar Tipps geben. Okay, hier haben wir die üblichen Verdächtigen, die kenne ich schon, Humbug, Tibor, Pitbull, alles potenzielle Drei-Dreißiger, gleich dahinter Kallo und Vincent, die sind viel zu schnell, das halten die nicht durch und dann kommt das breite Mittelfeld, also die Vierminüter… die lassen es langsamer angehen, aber trotzdem, wenn die dieses Tempo halten, dann laufen alle… lass mal rechnen, knapp 200 Meter, wir sind jetzt bei 30 Sekunden, also dann wären wirklich alle knapp über dem aktuellen Weltrekord. Und das, Leute, wird nicht passieren, also teilt es euch ein, geht runter mit dem Tempo, das könnt ihr eh nicht durchhalten… na, also, jetzt ein bisschen gemütlicher, so habt ihr wenigstens die Chance, überhaupt ins Ziel zu kommen… Und jetzt quatsch ich mal nicht so viel und wir laufen ein bisschen und konzentrieren uns auf den Atem und gleichmäßige Schritte, das muss ein bisschen was Rhythmisches kriegen, wie eine Maschine, eine Dampfmaschine, kennt heute keiner mehr… egal… hey, Kallo, was ist los?
Zu schnell gestartet und jetzt? Puste aus?
Komm schon, du Pussy!
Gibt’s ja nicht, lässt der sich einfach ins Gras fallen, gibt auf… und Vincent? Wie läuft’s? Nicht nachlassen, du bist gut in der Zeit…
einfach das Tempo halten… so ist’s gut…
schön gleichmäßig und ruhig…
Vincent, nicht! Vergiss es, das wird… das wird nichts…
Glaub ich ja jetzt nicht… der zieht an den Drei-Dreißigern vorbei…
sieht voll wütend aus, der kleine Vincent…
wütende kleine Dampflok…
ich bin jetzt mal leise…
brauch meine Puste…
und Vincent geht durchs Ziel… als erster.
Irre, oder?
Henry, sag mal, wie viel? Drei? Ja, drei ist schon klar, aber drei wie viel?
Wie Null?
Drei Null!


16 - Vincent:

Ich kotze.
Echt jetzt.
Ich kotze Tomate direkt vor die Füße.
Mir ist schwindlig. Ich stütze mich auf den Knien ab und muss erstmal wieder Luft in die Lungen lassen. Was für eine beknackte Idee, tausend Meter in einem Tempo zu laufen, als wären es hundert. Barfuß. Hatte ja keine Ahnung, dass wir auf’m Sportplatz rumrennen. Ich dachte, wir haben heute Schrauberkurs und mit Straßenschuhen darf man nicht auf die Aschenbahn. Nach der ersten Runde brennt dieses Barfußgelaufe richtig an den Sohlen, also lieber schnell hinter sich bringen. Weil, sich auf dem Rasen flachlegen wie Kallo? No way.
Würde gerne mal wissen, was Tomate hat, der kriegt sich gar nicht mehr ein mit seinem drei null, drei null… mir ist auch immer wieder mal schwarz vor den Augen, manchmal wird’s so dunkelgrün mit rot wabernden Punkten … jetzt kommen auch noch alle her und klopfen mir auf die Schulter, echt nicht angenehm. Also eigentlich schon irgendwie, aber halt im Moment gerade nicht, weil, wenn mir jetzt noch einmal einer auf den Rücken klopft, muss ich sofort wieder kotzen.
Langsam versteh’ ich, was die meinen.
Drei Minuten, null Sekunden scheint eine gute Zeit zu sein.
Aber ich hab’ keine Ahnung. Wie damals beim ersten Schwimmunterricht in der Fünften. Alle Schwimmer da rüber, alle Nichtschwimmer zu mir, hat der Sportlehrer gesagt. Ich also rüber zu den Nichtschwimmern. Und dann sollten wir einmal quer durchs Becken schwimmen, also nicht die lange Bahn, sondern einfach mal quer rüber. Vielleicht zehn Meter, keine Ahnung. Ich also rein ins Wasser, paddel rüber wie ein junger Hund und der Schwimmlehrer so „Du gehst zu den Schwimmern“.
Ich so voll verzweifelt: „Aber ich kann doch gar nicht…“
„Rüber!“
Und dann sollten wir fünfzig Meter auf Zeit schwimmen.
„Ich kann das nicht, ich gehe unter!“
Aber keine Chance.
Auf die Plätze, fertig, los.
Also rein, lausiger Bauchplatscher, dann Kopf unter Wasser und einmal durchs Becken, diesmal der Länge nach, ist ein kleines Becken, zum Glück, knapp siebzehn Meter, Luft holen, wenden und siebzehn Meter zurück, Luft holen und nochmal wenden, siebzehn Meter und endlich fertig und wieder Luft geholt.
„52,3“, sagt der Schwimmlehrer. „Am Dienstag zum Training!“
Scheint also auch eine gute Zeit gewesen zu sein. Aber das hat man dann davon: jeden Dienstag Schwimmtraining! Ich könnt’ kotzen. Wäre ich mal bloß langsamer geschwommen… aber ging eben nicht, ich mein’, ich musste ja irgendwann Luft holen und das konnte ich nur bei der Wende.
„Muss ich jetzt zum Training?“
Tomate sagt nichts, schaut mich nur staunend an.
„Wäre ich mal bloß langsamer gelaufen …“, nuschel ich vor mich hin.
„Wäre, wäre, Fahrradkette“, sagt Tomate und ich muss kurz nachdenken.