9 - Eva:

Es hat eine Weile gedauert, bis meine Eltern sie akzeptiert haben. Zwei Jahre, um genau zu sein. Wir waren schon in der Grundschule gute Freundinnen, aber es wurde zunächst nicht gern gesehen, wenn ich Aysha zum Mittagessen mit nach Hause brachte. Da gab es dann immer etwas spitzfindige Fragen, und wenn Aysha erzählte, dass ihre Mutter arbeiten müsse und es deshalb manchmal kein Mittagessen gab, war das Verständnis für diese soziale Härte natürlich groß, aber insgeheim vertrauten meine Eltern wohl darauf, dass wir irgendwann aus dieser Kinderfreundschaft rauswachsen.
So kann man sich täuschen.
Auf dem ersten Elternabend des Gymnasiums, das wir gemeinsam besuchen, haben meine Eltern Ayshas Mutter kennengelernt und waren, wie soll man sagen, sehr beeindruckt. Ayshas Mutter ist Professorin für theoretische Physik. „Mit internationalem Renommee“, wie mein Vater seitdem immer dazu sagt. Klar, er ist Vizepräsident der TUM.
Akademiker unter sich eben.
Wir sind also immer noch beste Freundinnen und seit die Angelegenheit mit dem Standesdünkel zur Zufriedenheit meiner Eltern geklärt ist, darf ich sogar ab und zu bei Aysha übernachten. Dass ich auch in Ayshas Tanzgruppe bin, wissen sie natürlich nicht, und sollten sie aus Versehen mal in die entsprechenden Kanäle schauen und mich dort an Ayshas Seite sehen, würden sie sich wahrscheinlich über unsere kreisenden Hüften genauso aufregen wie ihre Großeltern sich über Elvis, the Pelvis aufgeregt haben.
Seit wir endlich vierzehn geworden sind, gehen wir zusammen ins Fitnessstudio. Diese „kommerzielle Selbstoptimierung“ müssen wir allerdings selbst bezahlen, denn in der freien Natur könnte man sich schließlich genauso gut sportlich betätigen, ohne zu laute Musik, Schweißgeruch und Mitgliedsbeitrag. Sagen unsere Erziehungsberechtigten.
Dazu sag ich jetzt mal nichts.
Oder doch.
Ich gehe ja nicht ins Fitnessstudio, um Vogelgezwitscher zu hören oder dem Förster „Grüß Gott“ zu sagen.
Wir stemmen auch nicht die ganze Zeit Gewichte. Wir wollen ja nicht aussehen wie Hulk. Wir sind einfach öfter mal an der Theke, wo es angesagte Mischgetränke gibt und andere Menschen herumstehen, die man ein bisschen beobachten kann. Mit dem Bezahlen der Mischgetränke wechseln wir uns ab, denn es ist ja ein großer Trugschluss neidischer Freundinnen, zu glauben, wir bekämen astronomische Taschengelder, nur weil der finanzielle Status unserer Eltern das ermöglichen würde.
Im Gegenteil.
Manchmal glaube ich sogar, es verhält sich so, dass je wohlhabender die Eltern sind, desto sparsamer sind sie bei der Finanzierung der Freizeitvergnügungen ihrer Kinder. Ich rede von altem Geld, nur damit wir uns richtig verstehen. Junges Geld schreit nach fetten Logos auf überteuerten Jogginghosen. Junges Geld will um jeden Preis gesehen werden.