8 - Kaya:
Ja, ich weiß, diese kleinen Zauberkästchen machen dumm und einsam. Die Kinder stumpfen ab, die Erwachsenen reden nicht mehr miteinander und die Hirne schrumpfen. Sagt man.
Da ist was dran.
Beispiel: Früher hatten wir problemlos zehn Telefonnummern im Kopf und heute haben wir ein Handy. Aber ganz ehrlich, ohne diese kleinen Wundermaschinen wäre mein Leben mittlerweile sehr einsam. Ich habe nicht viele Freunde und meine Familie ist für orientalische Verhältnisse winzig. Genau genommen habe ich nur noch Onkel Ferhat, also bin ich froh, wenn ich einmal die Woche mit ihm sprechen kann. Und das ist was anderes als telefonieren, weil wir können uns ja sehen, so als würden wir am Tisch einander gegenüber sitzen und uns unterhalten. Ich soll ihm dann immer zeigen, wie ich das Sortiment im Laden verteilt habe und jedes Mal gibt er mir überlebenswichtige Tipps, wie zum Beispiel kleine Süßigkeiten immer kurz vor der Kasse zu platzieren. Das weiß die Welt seit mehr als fünfzig Jahren, aber ich mag es einfach, wenn Ferhat mir jedes Mal die immer gleichen Grundlagen seiner Verkaufspsychologie erklärt.
Ich habe den Laden hier von ihm übernommen. Das ist lange her. Eigentlich habe ich Kunst studiert, worüber die ganze Familie damals sehr unglücklich war.
Ein Künstler?
Was soll das sein?
Ein Mann ohne Brot!
Dann kam Onkel Ferhat plötzlich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus.
Er lag auf dem Bett, das Gesicht völlig verbunden, nur die Augen und der Mund waren zu sehen. Die Unterarme waren ebenfalls komplett in weißen Mull gewickelt und standen im 90-Grad-Winkel vom Körper ab. Wie der arme Lehrer Lämpel, dem Max und Moritz Schießpulver in die Pfeife gestopft hatten. Ja, ich weiß, es klingt ein bisschen seltsam, ein kurdischer Junge, der mit Max und Moritz aufgewachsen ist. Meine Eltern haben es wirklich gut gemeint. Beispiel: Der Begriff Leitkultur war damals noch gar nicht erfunden und ich bin trotzdem mit Wilhelm Busch, Erich Kästner und Michael Ende aufgewachsen.
Jedenfalls wurde Onkel Ferhats Auto angeblich in die Luft gesprengt. Ich weiß noch, wie er der versammelten Restfamilie den Hergang in seinem lustigen Deutsch schilderte. Er habe sich nach dem Tanken in sein Auto gesetzt, eine Zigarette im Mund, und sich noch gedacht ‚Hm, hat ein bissele stink‘, sich aber nichts weiter dabei gedacht, denn schließlich stand der Wagen an einer Tankstelle, dann habe er die Zigarette angezündet und bumm!
Die Grauen Wölfe steckten dahinter, behauptete er, und es sei mit Sicherheit ein Anschlag gewesen. Sie hätten ihn über Jahre observiert und daher auch gewusst, dass er im Auto immer rauchte. Ein Spezialkommando! Während Onkel Ferhat im Kassenhäuschen seine Rechnung bezahlte, hätten diese Sondereinsatzkräfte Benzin auf die Rückbank geschüttet, um ihn auszuschalten. Als wäre er ein Agent, ein kurdischer Bond. Als Kinder haben wir solche Geschichten begeistert geglaubt, mit zwanzig dachte ich dann, was für ein Angeber, mittlerweile halte ich alles für möglich. Beispiel: Im Laden steht ein alter Kassettenständer mit noch genau 34 Kassetten. Die Cover sind vergilbt und ausgeblichen, weil niemand mehr Kassetten kauft, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. Vielleicht ist in diesen Kassetten das Geheimnis von Onkel Ferhat versteckt. Verbotene Protestsongs? Andererseits steht da Şivan Perwer in Uniform und mit Keffiyeh auf dem Kopf, neben dem Anadolu-Popsänger Barış Manço mit seinem Jason-King-Bärtchen. Nicht gerade eindeutig.
Mittlerweile weiß ich nur, dass ich eigentlich nichts weiß.
Jedenfalls war die ganze Geschichte für Onkel Ferhat der Anlass, unterzutauchen, und ich musste ihm feierlich versprechen, sein Lebenswerk fortzuführen.
Also diesen kleinen Lebensmittelladen hier mit dem alten Kassettenständer.
Einmal die Woche telefonieren wir mit diesen kleinen Wundermaschinchen und wenn ich ihn zum Beispiel kaum sehen kann, weil es um ihn herum stockfinster ist, erklärt er das damit, dass man aus dem Hintergrund auf seinen Aufenthaltsort schließen könne, und das sei momentan einfach zu gefährlich, weshalb er nur aus einem abgedunkelten Keller mit mir telefonieren könne.
Wie gesagt, er ist sehr amüsant.
Manchmal habe ich den Verdacht, dass er in Wahrheit nur deshalb im Krankenhaus war, weil er immer flüssigen Grillanzünder in die Glut spritzte, wenn es ihm nicht schnell genug ging. Und als das einmal schiefging, hat er die Geschichte ein bisschen umgebaut.
So hat er sich selbst zum Helden gemacht und mich zum Gemüsehändler.
Jedenfalls habe ich ihm diesen Laden zu verdanken. Und einiges an Erkenntnissen. Beispiel: Warum hat meine große Liebe, die schönste der Schönen, die unvergleichliche Nadjimi, mich verlassen? Sie war mit ihren Eltern aus Teheran geflohen und wir waren seit der elften Klasse zusammen, ein schönes Paar, wie alle sagten, aber nachdem feststand, dass ich kein vielversprechender Künstler, sondern ein einfacher Bakkal, ein kleiner Krämer, werden würde, war es plötzlich aus. Vielleicht besser so. Ihre Familie hat mich nie wirklich gemocht. Arrogante Perser eben, die immer glauben, sie seien was Besseres.