7 - Vincent:
Am Nachmittag liegen wir faul im Schatten und Tomate schraubt an meinem Fahrrad rum. Also ich schraube schon auch manchmal, aber eine Gangschaltung reparieren? Im Wald, ohne Werkstatt… Hallo? Und das Beste ist, es funktioniert. Die Schaltung geht wieder und ich will wissen, wie er das gemacht hat und Tomate sagt, er bringt mir’s gerne bei. Nächstes Mal, weil jetzt wollen wir ja wieder nach Hause, aber nächsten Freitagabend im Heim gibt er einen Schrauberkurs. Ob ich vielleicht kommen will.
Klar, will ich kommen.
Auf dem Heimweg schalte ich die Gänge rauf und runter wie ein glücklicher Irrer und alle Berge und Steigungen werden zu flachen Rennstrecken. Ich kann mithalten und es ist ein übertrieben gutes Gefühl mit 20 anderen in einer Kolonne zu fahren und dazuzugehören. Ganz vorne fährt Bürste, bei dem man am Haarschnitt sofort erkennt, woher der seinen Spitznamen hat. Bürste also hat eine lange Stange hinterm Sattel und daran flattert das große Banner von unserem Stamm „Florian Geyer“. Dann kommen die einzelnen Horten, immer so acht Jungs und der Hortenführer hat auch eine lange Stange hinterm Sattel und daran flattert der Wimpel von der Horte. Unsere heißt „Jörg von Frundsberg“ und auf dem Wimpel ist ein „Bundschuh“. Hab ich mal gecheckt, das war so ein ganz einfacher Lederschuh, also mehr so ein Stück Leder mit Löchern und erst wenn man einen Riemen durch die Löcher zieht, wird ein Schuh daraus. Wieso wir jetzt so einen Lederschlappen auf dem Wimpel haben, weiß ich auch nicht genau. Ich glaube, weil das mehr so ein einfacher Notschuh für die Bauern und die Armen war. Und die haben ja damals gegen die Reichen gekämpft, oder so.
Egal.
Zuhause fühl’ ich mich wie eineinhalbfacher Salto mit Applaus.
Mein Rad hat 21 echte Gänge, ich kann fliegen, aber als ich die Türe aufschließe, höre ich meine Eltern schon wieder streiten.
Thema?
Warte… muss mal schnell zuhören… wie immer: Geld.
Weil, seit mein Vater seinen Job verloren hat, ist das häufigste Gesprächsthema beim Abendessen Geld. Das ist echt öde und ich komme überhaupt nicht dazu, irgendwas zu erzählen. Vom geheimen Waldweiher, vom Salto, von meinen 21 Gängen. Interessiert keinen.
Wenigstens essen wir noch zusammen.
Ich kenn’ Familien, da isst jeder für sich alleine in seinem Zimmer.
Oder alle zusammen auf der Couch, aber jeder vor seinem Handy.