5 - Vincent:

Ich hätte beten sollen.
Vielleicht hätte es ja geholfen.
Muss irgendwie der 21. Gang gewesen sein, bei dem die Schaltung ihren Geist aufgegeben hat. Die andern alle so im Sitzen, als wär’ das nur ein kleiner Hügel und ich stehe schon seit mindestens einem Kilometer in den Pedalen und weiß, dass es gleich vorbei ist, dass ich gleich keine einzige Umdrehung mehr hinkriege, da spüre ich plötzlich eine sanfte Berührung am Rücken, die langsam stärker wird und plötzlich geht’s leichter und leichter und ein lächelndes Gesicht mit roten Backen taucht neben mir auf. Jetzt check’ ich erst, was passiert.
Tomate schiebt mich an.
Tomate, also das muss ich vielleicht kurz erklären.
Die meisten bei diesem Verein haben einen Spitznamen, den man sich irgendwie verdienen muss oder verliehen bekommt und erst dann ist man ein richtiges Mitglied in dem Klub, Verein, der Gruppe … egal. Und der Typ, der mich jetzt ganz sanft aber kraftvoll, den Berg hoch schiebt, heißt Tomate. Also mit Spitznamen. Normal heißt er Thomas und ist schon achtzehn und Stammführer. Und wenn einer Thomas heißt und rote Backen hat und einen Spitznamen braucht… ist ja wohl klar, muss man nicht weiter erklären.
Egal, wo war ich?
Letzter.
Ich war Letzter, genauer Vorletzter, denn hinter mir muss ja wohl Tomate gewesen sein, wahrscheinlich nur damit keiner verloren geht. Jedenfalls, als wir oben auf dem Berg, sind haben wir die anderen eingeholt und jetzt geht’s bergab. Der Fahrtwind kühlt und ich bin echt froh, dass weder Kallo noch die anderen gemerkt haben, dass ich da am Berg fast absteigen musste.
„Musst’ mal ein bisschen trainieren“, sagt Tomate, der immer noch neben mir fährt. Und ich sag’: „Nee, die Gangschaltung ist im Eimer“ und er so: „Schau ich mir mal an, wenn wir da sind“.
Vor uns taucht eine Schranke auf und ein Schild. Privatweg. Aber alle fahren einfach seitlich an der Schranke vorbei.
„Passt schon, wir dürfen da rein“, sagt Tomate weil ich wahrscheinlich Fragezeichen in den Augen habe. „Aber das wird nicht weitergesagt, das ist unser See. Nichts für Touris oder Ausflügler. Alles klar?“
Ich wüsste gar nicht, was ich da weitersagen könnte. Wir sind erstmal mit den Fahrrädern in die S-Bahn und raus aus der Stadt, aber ich hab Null darauf geachtet, wohin. Dann sind wir mit den Rädern Tomates Spezialweg gefahren. Erst normale Straße, dann Schotter, keine Ahnung wie oft wir abgebogen sind und dann Waldweg. Null Plan, wo wir sind.
Aber es ist wild und schön.