32 - Kaya:
„Bis morgen“, sagt die junge Frau und nickt mir zu. Seit ein paar Tagen läuft sie mit ihrem Kollegen ständig hier vorbei, manchmal bleiben sie auch ein paar Stunden vor meinem Laden stehen, holen sich einen Pappbecher-Kaffee von gegenüber und gucken einfach nur.
Bei Leuten in Uniform habe ich nie ein gutes Gefühl. Das hat sich seit meiner Jugend nicht geändert. Damals hatte ich meine Gründe. Heute eigentlich nicht mehr so, aber richtig gelegt hat sich das nie. Beispiel: Die beiden vom Ordnungsamt. Ihre Uniformen sehen sehr nach Polizei aus, deshalb ist man sofort verunsichert und das ist natürlich Absicht.
Ich räume die letzten Kisten rein, als Tobias, der Vater von dem kleinen Vincent, den Laden betritt.
„Alles frisch?“, fragt er wie immer.
„Alles frisch!“, antworte ich wie immer.
Ich weiß nicht genau, was er damit meint, es wirkt jedenfalls nicht unfreundlich, eher scherzhaft.
„Vincent hat gesagt, ich soll mal vorbeischauen. Was gibt’s?“
Hat er ihm das denn nicht gesagt?
Das ist jetzt fast eine Woche her und er tut so, als wollte ich einen Chai mit ihmtrinken und ein bisschen mit plaudern.
Manchmal verstehe ich die Deutschen einfach nicht.
Ich hole den Zettel aus der kleinen Zigarrenkiste neben der Kasse und sage ihm, dass er nicht mehr anschreiben kann und dass er seine Schulden bezahlen muss, weil ich das Geld brauche. Alles, was er bei mir gekauft hat, habe ich schließlich vorher beim Großhändler gekauft. Der lässt nicht anschreiben. Und jetzt ist schon eine ziemlich hohe Summe zusammengekommen.
„Ja, natürlich, aber das geht gerade nicht“, sagt er.
„Was ist los?“, will ich wissen, und er fängt an zu jammern über die Affen da oben, über die Situation in Deutschland und dass er jetzt kein Geld mehr verdienen kann, weil …
Ich warte.
Er scheint ernsthaft zu überlegen, warum er kein Geld mehr verdienen kann.
… weil die Zeitung wollte, dass er einen Artikel etwas umschreibt, ein kleines bisschen anders formuliert. Dass er ein paar winzige Änderungen vornimmt, die aus der Wahrheit eine Lüge gemacht hätten.
Da wollte er nicht mitmachen.
„Und jetzt? Bist du ein Held der Revolution?“, frage ich ihn. Da guckt er ganz irritiert, weil er sich bis gerade eben schon ziemlich heldenhaft vorkam.
„Du schickst deinen kleinen Sohn hierher, seit über einem Monat, lässt ihn einkaufen und einkaufen und einkaufen, und jetzt sagst du mir, dass du es nicht bezahlen kannst, weil du nicht machen wolltest, was dein Chef dir sagt? Weil du ein Kämpfer für die Wahrheit bist?“
Er nickt ganz leicht mit dem Kopf, er will schon leise Ja sagen, aber er lässt es. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. 384 Euro. Soll ich darauf verzichten?
Er guckt auf den Boden.
„Jemand muss doch die Wahrheit sagen über alles …“, sagt er ganz leise, da geht die Türe auf und die zwei Ordnungsamtmenschen von vorhin treten ein.
„Schönen guten Abend“, sagt die junge Frau.
„Es ist 20 Uhr vorbei. Schon eine ganz Weile.“
Sie deutet auf ihr nacktes Handgelenk.
„Er kauft ja nichts“, sage ich.
„Das verstößt gegen das bayerische Ladenschlussgesetz“, sagt jetzt der Mann.
„Ja, ich weiß, aber er ist privat hier. Er kauft nichts.“
„Ich hab noch nicht mal Geld dabei“, haspelt Tobias dazwischen.
„Die Türe ist nicht verschlossen, das Licht brennt und es befindet sich ein Kunde im Verkaufsraum. Also, da müsste ich Ihnen eigentlich eine Abmahnung erteilen, beim nächsten Mal gibt es dann ein Bußgeld. Haben Sie das verstanden?“
Hab ich verstanden und die beiden gehen.
Ich frage mich, warum die nochmal wiedergekommen sind. Sie haben doch gesehen, wie ich meine Waren reingeholt habe, dass ich das Geschäft schließen wollte.
„So fangen die immer an. Wie lange kommen die denn schon?“, will Tobias wissen.
„Lenk nicht ab“, sage ich. „Mein Geld brauche ich trotzdem.“