31 - Paul:

„Hast du verstanden, was der sagt?“
„Kein Wort.“
So fangen sie immer an. Was mache ich jetzt am besten? Auf keinen Fall auf den Boden schauen. Das sieht sofort nach Angst aus. Und die riechen die Angst. Wie Hunde. Wer so drauf ist, der riecht die Angst.
Aber dem Typ in die Augen schauen ist eigentlich noch schlimmer. Einem bissigen Hund soll man auch nicht in die Augen schauen.
„Was läufst du so rum hier, einfach? Voll respektlos, sowas.“
„Abkürzung“, sage ich, aber ich höre mich nicht.
Meine Stimme ist weg.
Wieso kann ich dem Typ nicht einfach in die Augen schauen, mich gerade machen und mit fester Stimme sagen, dass ich einfach nur die Abkürzung nehme?
„Krass unverschämt, oder? Ich frage dich was und du gibst kein bisschen Antwort, du flüsterst. Krank? Weißbrot mit Halsschmerzen?“
Ich reiß’ mich zusammen, ich schau’ nicht auf den Boden, ich schaue ihm aber auch nicht in die Augen, sondern irgendwie so über ihn drüber und sage, so normal ich kann, dass ich nur die Abkürzung nehmen wollte.
„Soll ich dir Bombe geben, oder was?“
„Ja, gib ihm Bombe“, ruft einer von den anderen drei.
„Das ist unsere Straße und ich kenn dich nicht mal. Nie gesehen, ich schwör. Gehst einfach bei Fremden durch den Garten. Machst du immer so?“
Er schubst mich. Aber ich bleibe stehen, bin nicht mal gestolpert und genau das scheint ihn jetzt so richtig wütend zu machen.
Ich könnte jetzt sagen, dass das eine öffentliche Straße ist, aber dann bin ich gefickt. So viel ist klar. Die sind zu viert. Keine Chance.
„Was los mit dir? Bist du behindert?“ Er schubst mich nochmal.
„Nein, ist er nicht“, sagt jetzt eine Stimme von irgendwoher.
Fünf, nein sechs Typen treten aus der Dunkelheit und bauen sich auf. Keine Ahnung, wo die plötzlich herkommen.
Ich starre die Typen an. Sie kommen auf uns zu. Die vier Ticker schauen sich hektisch um, dann hauen sie ab. Rennen jetzt richtig und ich denke, nichts wie weg, aber bevor ich mich umdrehen kann, steht einer von den sechs direkt vor mir. Bisschen älter als ich, vielleicht 20, mindestens ein Kopf größer als ich und ziemlich sportlich. Die anderen Typen hinter ihm auch. Seltsame Klamotten, ganz einfach und schlicht, helle Farben, keine Muster, jeder anders und doch irgendwie gleich.
„Musst ein bisschen aufpassen hier in der Gegend, ist immer noch voll mit Arabs und sobald es dunkel wird, kommen die aus ihren Löchern“, sagt der Typ.
JungBund tippe ich mal.
Richtig.
Er fängt auch gleich an, Werbung für den Laden zu machen. Ich soll doch nächsten Freitag zu ihnen kommen. Er nennt mir eine Adresse, ich sag Danke und gehe. Aber sie kommen noch ein Stück mit und erzählen mir, dass sie mir alles beibringen können, um solchen Situationen in Zukunft „mannhaft!“ zu begegnen.
Dann drückt er mir ein Kärtchen mit QR-Code in die Hand.
„Man sieht sich“, sagt er noch, klopft mir auf die Schulter, mannhaft, logisch, und ist weg. Von den Tickern geboxt zu werden, ist schon scheiße, aber von JuBus gerettet zu werden ist ja irgendwie auch nicht besser.
„Gerettet werden ist immer besser“, sagt mein Vater, als ich das beim Abendessen fertig erzählt habe. „Egal von wem“, dabei schaut er meine Mutter an und grinst so rechthaberisch, als fände sie es besser, wenn ich verprügelt worden wäre.
Aber meine Mutter ist einfach nur froh und erleichtert, dass mir nichts weiter passiert ist.
Nur Vincent guckt so seltsam und als ich ihn frage, was los ist, sagt er ‚nichts‘ und geht auf sein Zimmer.
Meine Mutter schaut ihm hinterher. Mit so einem nachdenklichen Blick.
„Weißt du eigentlich, was Vincent so macht, wenn er draußen ist?“, fragt sie mich jetzt. Sollte sie eigentlich wissen. Ich meine, sie ist die Mutter, oder?
„Keine Ahnung“, sage ich. „Manchmal ist er dabei, wenn wir einen Clip drehen und tanzt heimlich mit.“
Mein Vater rollt die Augen. Er findet das ja alles scheiße, was ich mache, die Clips, die Musik und vor allem, dass ich die ganze Zeit am Rechner sitze und schneide statt für die Schule zu lernen.
„Er tanzt?“, fragt meine Mutter.
„Fast so gut wie Aysha.“
„Ich habe neulich einen Button vom JungBund bei seinen Sachen entdeckt. Er behauptet, dass er sie gefunden hat, aber ich weiß nicht …“
„Immer noch besser, als zu tanzen“, sagt mein Vater, steht auf und verlässt die Wohnung.