30 - Eva:

„Bist du verliebt?“
Eine Frage wie ein Ice Bucket.
Außerdem ist sie meine Klavierlehrerin, hallo?
Ich sage also nichts dazu.
Aber sie.
„Klingt zum ersten Mal nicht mehr wie eine Etüde.“
Ich hasse das Stück, dabei habe ich es mir selbst ausgesucht. Aber seit ein paar Tagen muss ich jedes Mal fast heulen. Was heißt fast? Manchmal kann ich die Noten fast nicht mehr lesen.
„Du arbeitest ja jetzt schon lang daran und technisch spielst du das ja auch schon länger sehr sauber, du kannst es also. Aber heute hab ich zum ersten Mal etwas … wie soll ich sagen, etwas gespürt. Du lässt den Tönen plötzlich viel mehr Raum und trotzdem fällt nichts auseinander.“
Blablabla … ich weiß wirklich nicht, was sie das angeht.
Spätestens beim dritten oder vierten Takt krieg’ ich einen Druck in der Brust, dass mir das Atmen schwerfällt. Außerdem muss ich die ganze Zeit an die Szene im Fitness neulich denken, als Aysha Hausverbot gekriegt hat. Und wie Paul dann plötzlich reingestürmt kam und die ganze Situation sich einfach in Luft aufgelöst hat, weil er ihr was wahnsinnig Wichtiges sagen musste. Er hat mich gar nicht begrüßt, mir nur so kurz zugenickt, als wäre ich einfach so Fitness-Personal.
„ … würde ich dich also wirklich gerne beim Konzert dabei haben.“
Wie bitte?
„Außerdem passt „Ambre“ wunderbar ins Programm. Wir haben schon Max Richter dabei und Ólafur Arnalds, da wird das endlich mal ein bisschen moderner.“
Wie soll ich das denn bitte machen? Dieses Stück spielen ohne zu heulen.
„Eva?“
„Ja? … Entschuldigung … ich …“
„Gut, dann bis Mittwoch und spiel es jeden Tag, bleib drin, ja? Wenn du die Technik blind beherrschst, und das tust du fast, und dann noch die Emotion stimmt, so wie gerade eben, dann … muss ich jede Menge Kleenex besorgen. Das Publikum wird einfach nur … heulen. Ciao.“
Ja und ich?
Das ist ihr anscheinend völlig egal.
Ich höre, wie sie sich von meiner Mutter verabschiedet und wie meine Mutter ganz stolz und ergriffen ist, weil sie wieder gelauscht hat und dann ist es ruhig und ich sitze allein im Wohnzimmer, immer noch am Flügel und weiß nicht, was ich denken oder fühlen soll.
Meine Mutter ruft zum Abendessen.
Osso Buco.
Wirklich schade um das schöne Essen.
Ich liebe Osso Buco, aber heute schmecke ich gar nichts. Wir sitzen schweigend am Tisch und essen. Das mag meine Mutter überhaupt nicht, wenn es so still ist am Tisch und deshalb erzählt sie meinem Vater, wie schön ich heute gespielt hätte und dass sie weinen musste. Mutterstolz, denke ich mir, jetzt übertreibe mal nicht so, aber dann merke ich, sie meint es wirklich ernst.
Ich schalte trotzdem ab.
Ich will mit meinen Gedanken alleine sein.
Mit diesem seltsamen Gefühl, das ich nicht kenne und deshalb auch nicht weiß, wie ich es nennen könnte. Verliebt?
Sicher nicht.
Er ist der Freund meiner besten Freundin.
Doch dann fällt plötzlich Ayshas Name beim Abendessen und plötzlich bin ich wieder da, und meine Mutter erzählt, dass Ayshas Mutter irgendeine bekloppte E-Mail bekommen hat und sich jetzt so Sorgen macht.
„Sorgen wegen einer E-Mail?“, fragt mein Vater und meine Mutter meint, dass das eben wie eine Drohung war, oder zumindest eine Kränkung.
„Contumeliam nemo accipit, nisi qui patitur“, sagt mein Vater und das ist wieder mal typisch für ihn. Ständig lässt er seine humanistische Bildung raushängen und zitiert Seneca oder sonst einen Philosophen. Und immer in Originalsprache.
„Eine Kränkung erleidet nur, wer sich von ihr kränken lässt“, sagt er jetzt, denn meine Mutter hat’s nicht so mit Latein. Mehr mit Mascara und Soufflés.
„Seneca.“
Wusst ich’s doch.
„Was war denn das für eine Mail?“, fragt er jetzt.
„Irgendwas mit sie soll ihren schönen Lehrstuhl genießen, solange sie ihn noch hat.“
„Ja und?“
„Oder dankbar, ja, sie soll dankbar sein für ihren schönen Lehrstuhl.“
Mein Vater schaut auf, kaut fertig und schluckt runter.
„Das ändert natürlich einiges“, sagt er.
Wo ist denn da der Unterschied?
„Dankbar kann man für ein Geschenk sein, aber sie hat diesen Lehrstuhl ja nicht geschenkt bekommen. Sie hat ihn sich verdient.“
Da ist was dran.