3 - Vincent:

Dieser seltsame Kallo lässt Paul einfach schimpfen, kommt direkt auf mich zu und klopft mir auf die Schulter, als wären wir gute alte Freunde.
Sind wir natürlich nicht, Kallo und seine Familie sind erst vor ein paar Monaten hergezogen, wohnen im dritten Hinterhaus.
„Lass mal’n bisschen auf Streife gehen“, sagt er. Er hat so eine Art, ich weiß auch nicht genau, so vertraut, als würden wir uns schon ewig kennen, und ich will ihm noch klarmachen, dass ich erst die Einkäufe hochbringen muss, da sagt er schon: „Kann Paul doch machen, ihr wohnt doch in der gleichen Wohnung“ und meint das völlig ernst.
Geht natürlich gar nicht, Paul würde ausrasten und eigentlich habe ich auch überhaupt keinen Bock, jetzt durchs Viertel zu latschen. Trotzdem sind wir zehn Minuten später unterwegs.
Naja, Kallo eben.
Egal was er vorschlägt, man kann einfach nicht Nein sagen. Ich kann nicht Nein sagen. Jedenfalls ziehen wir jetzt die Landwehrstraße lang.
Ist meine Lieblingsstraße.
Wenn da abends die Sonne in die Gemüsestände reinscheint und die Tomaten, Zucchini und Paprika so unfassbar leuchten, als wären da Glühbirnen drin und wenn man alle möglichen Sprachen hört und überall Männer sitzen, die Tee trinken und rauchen und verschleierte Frauen riesige karierte Tüten durch die Gegend schleppen und wenn es an jeder Ecke anders riecht, nach Shisha, Douglas, Döner, Tee, keine Ahnung, dann denke ich immer, ich bin ganz weit weg, irgendwo wo ich noch nie war, obwohl ich gleich um die Ecke wohne.

Ein Mann mit nur einem Bein lacht uns an und schüttelt seinen Pappbecher, in dem zwei, drei Münzen klappern. Ich kenn’ ihn. Der ist schon seit Jahren hier im Viertel unterwegs und wenn ich Kleingeld dabei habe, geb’ ich ihm immer was. Dann lächelt er und guckt ganz warm und freundlich. Vielleicht ist er auch nur betrunken. Jedenfalls muss ich dann immer daran denken, wie mein Vater mir mal erzählt hat, dass in manchen Ländern Leute verstümmelt werden, damit sie besser betteln können. Die Verstümmler sind dann die Chefs und die Verstümmelten müssen für sie arbeiten.
Also betteln.
Fuß ab oder Bein ab und den Stumpf nicht verstecken, sondern zeigen. Dann haben die Leute mehr Mitleid und Mitleid ist gut. Mitleid ist bares Geld.
„Bargeld? Geht’s noch?“, fragt Kallo den Einbeinigen und schaut in den Pappbecher. „Mach mal’n PayPal-Konto auf oder besorg’ dir wenigstens ein Kartenlesegerät … Bargeld! Nicht dein Ernst, oder?“
Dann lacht er sich weg, der Einbeinige schaut verwirrt. Wahrscheinlich hat er nichts verstanden und lacht einfach sicherheitshalber mal mit. Ich lächle den Einbeinigen kurz an, weil das natürlich schon irgendwie peinlich ist, aber auch… naja, Kallo eben.
„Also nächsten Samstag kommst du mit, ja?“, fragt Kallo nochmal, aber eigentlich ist das gar keine Frage, sondern mehr eine Feststellung. Er textet mich schon seit ein paar Wochen voll von so einer Gruppe, die zelten geht und Lagerfeuer macht.
„Schon ein bisschen so wie Camping“, sagt er, „aber in cool! Keine Wurfzelte oder Elektrogrills, keine Duschkabinen oder Satellitenschüsseln auf den Wohnwagen, verstehst du? Richtig draußen. Im Wald!“, schwärmt er.
Auf Wald hab’ ich eigentlich gar keinen Bock, aber ich ahne schon, dass er nicht locker lassen wird.