28 - Eva:

„Hausverbot?“
Ayshas schöne Augen funkeln. Der schmächtige Typ hinterm Tresen, der sich ständig eine Haarsträhne aus der Stirn bläst, indem er die Unterlippe vorschiebt und einen kurzen heftigen Luftstoß nach oben jagt, sagt nichts, sondern zuckt nur mit den Schultern und nuschelt so etwas wie ‚iswasweggekommen‘.
Das kann ja wohl nicht wahr sein, denke ich mir. Es ist etwas weggekommen? Noch nicht mal geklaut, sondern weggekommen.
Und Aysha kriegt Hausverbot?
Aysha will den Chef sprechen, aber der Typ bläst sich schon wieder die Haare aus der Stirn, statt mal zum Friseur zu gehen. Also wird Aysha energischer. „Hallo! Ich will sofort die Geschäftsführung sprechen!“ Und jetzt lässt der Typ die Haarsträhne endlich vor der Stirn hängen und schlurft davon.
Ich weiß nicht, ob die uns extra so lange warten lassen, aber es fühlt sich ganz so an. Wahrscheinlich pure Schikane. Einschüchterung. Aber warum? Ich sollte mal was sagen, aber das würde sich auch nicht richtig anfühlen, wenn ich als Biodeutsche das iranische Mädchen in Schutz nehme.
Positiver Rassismus wäre das dann, oder?
Jetzt stehen wir also rum und warten. Leute kommen, Leute gehen. Hoggar, der tätowierte Muskelberg aus dem Maghreb zum Beispiel, und heute bräuchten wir seine Pfandflasche gar nicht, denn ich bin heute dran mit Zahlen und ich habe frisches Taschengeld. Aber ich habe das Gefühl, dass das heute sowieso nichts mehr wird mit unserem Fitnessprogramm und nach einer gefühlten Ewigkeit kommt endlich die Geschäftsführerin.
Blond, aber gefärbt.
Braune Haut, auch gefärbt.
Bunte Klamotten mit großen Logos, die laut rufen ‚ich koste mehr, als du im Jahr Taschengeld bekommst‘.
„Sie wollten mich sprechen?“, sagt sie mit gefälschter Freundlichkeit.
„Ja, Schwester, ich möchte wissen, warum ich Hausverbot habe“, zischt Aysha.
„Ach, das. Ja, also das ist nicht persönlich gemeint, aber es sind Sachen weggekommen in letzter Zeit.“
„Ja, sowas ist blöd“, sagt Aysha, „und was genau hab ich jetzt damit zu tun?“
„Das äh … ich würde sagen, es ist mehr so eine Gesamtstimmung. Ein paar Gäste, um ehrlich zu sein, viele Gäste, haben sich beschwert, dass ihnen das Publikum hier zu … wie sagt man … divers ist und in dem Zusammenhang kamen dann auch die Meldungen über Verluste, also vermutete Diebstähle.“
Das hat gesessen. Aber nur bei mir. Aysha beeindruckt das gar nicht. Sie ist das gewöhnt, hat sie mir mal erzählt. Erster Verdacht immer Araber, Pole, Türke und was es sonst noch so an verdächtigen Nationen gibt.
„Also, dann schlage ich vor, Sie rufen die Polizei und wir klären das.“
„Das wird nicht nötig sein“, sagt die Fake-Blondine. „Ich kann schließlich einfach von meinem Hausrecht Gebrauch machen.“
„Was heißt … ?“
„Was heißt, dass ich Ihnen hiermit Hausverbot erteile, weil sich einige, um nicht zu sagen die Mehrzahl der Gäste, durch Ihre Anwesenheit gestört fühlen.“
Pause.
Ich überlege, ob das überhaupt geht. Rein juristisch.
„Das gilt natürlich nicht für Sie“, sagt sie noch und schaut mich dabei an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich müsste eigentlich was sagen. Ich müsste sagen ‚Nein, danke, verzichte‘ oder ‚Ich scheiß auf Ihr Etablissement!‘ Aber das käme natürlich sehr zickig rüber. Ich schaue zu Aysha, die gerade noch überlegt hat, wie sie auf die Unverschämtheit der gefälschten Blondine reagieren sollte, aber mich jetzt erstaunt anschaut und auf meine Antwort wartet, und ich bin gerade wirklich überfordert, da platzt Paul, verschwitzt und völlig außer Atem, ins Fitnessstudio. Er beachtet mich überhaupt nicht und fasst Aysha mit beiden Händen an den Schultern.
„Aysha, ich muss dir was sagen. Dringend.“
Dann erst nimmt er die Situation wahr. Ein fast unsichtbares Zunicken für mich, ein kurzer Blick auf die Geschäftsblondine und ein leises ‚Können wir kurz?‘ zu Aysha. Er führt sie hinaus, irgendwie extra zärtlich, und ich kann durch die Glastüre sehen, wie er ihr etwas sagt, was sie richtig leuchten lässt.
Ich drehe mich zur Geschäftsführerin um, an der alles, wirklich alles gefälscht ist, vielleicht sogar das Geschäft, und schaue sie an. Ich versuche ein wenig, nicht zu viel, Herablassung in den Blick zu legen und verlasse das Fitnessstudio.
Ich bin wirklich erleichtert, denn wenn Paul nicht gekommen wäre … ich hätte wirklich nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen.