27 - Paul:

Er muss am vorletzten Wochenende gestorben sein. Am Montagmorgen vor zwei Wochen lag er plötzlich da. Auf dem Weg ins Klassenzimmer kann man ihn gut sehen, aber niemand beachtet ihn, die meisten laufen einfach an ihm vorbei. Vielleicht liegt das auch daran, dass er nie alleine ist und deshalb nicht ganz so tot aussieht. Außerdem, wer schaut schon auf dieses Vordach? Seine Frau, oder besser Witwe, ist die ganze Zeit neben ihm. Meist sitzt sie nur da und guckt ins Nichts. Ab und zu steht sie auf, läuft mit wackelndem Kopf um ihn herum, pickt etwas vom Boden auf und setzt sich wieder neben ihn. Ich weiß gar nicht, warum ich denke, dass die Taube männlich ist. Man sieht das ja nicht, wie zum Beispiel bei Enten. Aber ich hab das jeden Tag gefilmt und es ist jeden Tag das Gleiche. Seit zwei Wochen. Und deshalb soll ich die Leiche, ich weiß man sagt Kadaver, aber das finde ich respektlos, jetzt endlich wegschaffen. „In den Müll“, sagt der Hausmeister, „graue Tonne.“
„Warum ich?“
Der Hausmeister mustert mich von oben bis unten, dabei kennen wir uns seit vier Jahren. Wir haben uns eigentlich immer gut verstanden. In der siebten habe ich ihm sogar beim Pausenverkauf geholfen. Aber jetzt ist etwas Abfälliges in seinem Blick.
„Du hast doch sonst nichts zu tun, oder bist du etwa bei der Feuerwehr, beim THW oder beim JungBund?“, fragt er und darauf antworte ich jetzt besser nicht.
„Dacht ich mir doch. Also schnapp’ dir eine Tüte und wirf den Vogel in den Müll.“
Er dreht sich um und geht. Hausmeister haben eigentlich einen schlechten Ruf bei Schülern, aber unserer war eigentlich immer ganz okay.
„Danach meldest du dich beim langen Pfriem auf dem hinteren Pausenhof!“, ruft er noch und verschwindet in seiner Werkstatt.
Also hole ich mir eine Schaufel und Einweghandschuhe aus der Putzkammer und klettere aufs Vordach zum aktuellen Trauerfall. Die Witwe schaut mich erschrocken an, fliegt auf und nimmt auf dem Nussbaum Platz um von dort alles genau zu beobachten.
Ich schaue in mein Videoarchiv und sehe zehn Aufnahmen des toten Täuberichs. Ich wollte den Verfall filmen, weil ich dachte, dass ich das sicher mal in einem Clip verwenden kann. Ich schaue mir die Takes kurz an und sehe, dass die Veränderung von der ersten bis zur zehnten, also letzten Aufnahme nicht besonders groß ist. Der Vogel sieht am zehnten Tag zwar etwas zerzauster und dünner aus, als am ersten, aber wirklich groß ist der Unterschied nicht. Als ich aber jetzt vor der toten Taube stehe und sie mit der Schaufel ein wenig anheben will, merke ich, dass die wahre Veränderung unter den Federn stattgefunden hat. Unterm Federkleid sozusagen. Da ist praktisch kein Fleisch mehr, nur noch Knochen, Insekten und Maden und ich denke mir: ‚Jetzt bist du tot und deine Frau sitzt auf dem Baum nebenan und schaut dir die ganze Zeit beim Totsein zu.‘ Vielleicht ist er auch noch ganz jung, der Taubenmann.
Durch einen tragischen Unfall aus dem Leben gerissen. Gegen die Scheibe geflogen oder was Vögeln eben so passieren kann. Und jetzt ist es vorbei, viel zu früh und er kann nichts mehr machen, von allen den Dingen, die er noch tun wollte. Zusammen mit seiner traurigen Frau vielleicht. Aber jetzt kann er seiner großen Liebe keinen Heiratsantrag mehr machen, kann ihr nicht mal mehr sagen, dass er sie liebt und mir fällt ein, dass ich das auch noch nicht gemacht habe. Und es kann einen doch jederzeit erwischen. Eine falsche Spiegelung, du denkst da ist der Himmel, freust dich und du fliegst drauflos. Volles Tempo Lebenslust in den strahlenden Himmel zur Sonne, aber da ist nur eine betonharte Glasscheibe und das war’s dann. Also muss ich das jetzt erledigen! Nicht morgen, sondern jetzt! Ich muss zu Aysha und es ihr sagen, weil es morgen vielleicht zu spät ist.
Unwahrscheinlich, klar, aber man kann es nicht wissen. Und deshalb lasse ich die Schaufel und die Mülltüte auf dem Dach liegen. Egal, was der Hausmeister dazu sagt. Manchmal gibt es wichtigeres als zufriedene Hausmeister und weil sie Mittwoch immer mit Eva beim Fitness ist, renne ich los, um es ihr endlich zu sagen.
Die Witwe schaut erstaunt aus dem Nussbaum zu mir herüber.
Wenn sie wüsste, was ich vorhabe, würde sie mich verstehen.