24 - Vincent:
Superstimmung zuhause, echt jetzt.
Meine Mutter lehnt mit verschränkten Armen an der Arbeitsfläche. Mein Vater läuft in der Küche auf und ab, schreit und schimpft rum. Und auf dem Küchentisch liegt ein gelber Behördenbrief. Sicherheitshalber sag ich mal Hallo, das „Wie war dein Tag?“ spar ich mir lieber. Nicht zu überhören, wie der Tag war.
„Und dann? Dann räum’ ich Regale bei Edeka ein und die Müller-Stöven kommt aus dem Gang mit den Waschmitteln, oder wie? Ach, Tobias, du hier? So eine Überraschung. Und dann sagt sie, ich soll mich nicht so anstellen und über meinen Schatten springen, oder was?“
„Warum nicht?“, sagt meine Mutter ganz ruhig.
„Und ich geh’ wieder in die Redaktion und schreibe nur noch was man mir sagt und nicht, was wirklich so passiert.“
„Genau. Und verdienst wieder Geld.“
Am besten, ich gehe auf mein Zimmer.
„Mein Vater hat sein Studium abgeschlossen und ist dann Taxi gefahren!“
„Jetzt geht das wieder los…“
Ich mach langsam leiser, fade out im Kopf kann ich gut, und geh’ in mein Zimmer. Niemand bemerkt es. Nicht mal ich, so wirklich.
„Alles klar?“, fragt Paul.
„Da draußen? Das übliche …“, sage ich nur.
„Ja, aber diesmal geht’s ans Eingemachte. Grundsicherung läuft in drei Monaten aus.“
„Ich dachte, dass er deswegen extra wieder bei Oma und Opa wohnt?“
„Mann, wo lebst du denn? Scheißegal, wo du wohnst, Grundsicherung gibt’s nicht mehr!“ Keine Ahnung, wovon er da redet.
„Er muss jetzt jede Arbeit nehmen, die sie ihm zuteilen“, sagt Paul.
Was das für eine Arbeit sein soll, will ich wissen, weil viel kann unser Vater ja nicht, außer schreiben.
„Vielleicht Parks sauber machen, Straßen kehren oder Regale einräumen. Wer nicht arbeiten will, braucht auch nicht essen.“
Neuer Slogan. Hab ich auch schon gesehen. Hängt jetzt überall an den Plakatwänden.
„Ist mega peinlich, wenn ihm dann Freunde begegnen, während er Regale einräumt“, meint Paul.
„Ja voll. Wieso hat er eigentlich aufgehört bei der Zeitung?“
„Irgendwas politisches, keine Ahnung, wahrscheinlich mal wieder was wegen den…“
„… Affen da oben“, sagen wir gleichzeitig.
Kennt man ja schon von ihm. Immer die Affen da oben.
„Schon gehört?“, fragt Paul. „Überraschung. Aysha und die Vier sind in der Vorrunde von der International Dance Competition in Braunschweig.“
Ja, super. Also, ich freue mich ja für ihn und für Aysha, aber überrascht bin ich nicht, weil Aysha so unfassbar gut ist, da wär’ die Überraschung, wenn sie es nicht in die Vorrunde schaffen würde.
Und dann zeigt er mir einen neuen Clip. „Das wird die Choreo für die Vorrunde.“
Seltsame Musik. Sezen Aksu, voll altmodisch. Und Aysha und die 4 tanzen nicht. Sie gehen. Also nicht normal, sondern alle gehen im gleichen Moment mit dem linken Fuß zuerst, dann rechts, dann wieder links. „Zwo, drei, vier“, rufen sie plötzlich und dann „Rechts, zwo, drei, vier!“
Und dann sehe ich Kallo.
Und mich.
Und wir laufen auch so. Und dazu dieses komische „Menajer“ von Sezen Aksu. Wie Blasmusik mit türkischem Singsang.
„Du hast uns gefilmt? Das darfst du nicht!“, schreie ich ihn an. Ich will das Handy haben, die Aufnahme löschen. Er hält es hoch und lacht. Fast zwei Köpfe größer als ich.
„Wieso? Ist doch lustig“, sagt er und läuft jetzt auch so bescheuert rum wie Aysha und die 4.
Und wie Kallo und ich.
Schon schräg. Und dann fangen sie an zu tanzen, und so wie Paul uns immer in den Tanz geschnitten hat, ist es schon… also ziemlich lustig.
„Na, hopp!“, ruft er und tanzt mit Aysha, und als sie wieder marschiert, marschiert er mit. „Komm schon, stell dich nicht so an!“
Ich will erst nicht, weil er macht sich ja lustig über Kallo. Und mich. Aber dann, ich weiß gar nicht so richtig warum, mache ich mit und marschiere mit Paul im Zimmer herum. Links, zwo, drei, vier, wie in so alten Schwarzweißfilmen aus dem vorletzten Jahrhundert. Jeder Schritt wie ein Hammerschlag auf dem alten Holzfußboden, macht richtig Spaß, so Krach zu machen, und wir sind unfassbar albern. Noch’ne Runde und noch eine und dann geht die Tür auf und mein Vater schreit: „Sagt mal Leute, geht’s noch?“
Sofort ist Ruhe.
Mein Vater knallt die Tür zu und wir lassen uns auf die Betten fallen und lachen uns weg.