22 - Vincent

Macht aber nichts.
Bin ich eben ein blondes Weißbrot für die Arabs, eine blauäugige Kartoffel für die Türken.
Scheißegal.
Mein Name ist DreiNull.
Gutes Gefühl.
Wenn man so durch das Viertel läuft.
Am Anfang hab ich erst gar nicht gewusst, warum DreiNull, aber dann… klar, 1000 Meter in 3 Minuten 0 Sekunden. Gut, dass wir nicht 50 Meter geschwommen sind. Dann würde ich jetzt ZweiundfünfzigDrei heißen. Noch besser, dass ich nicht zum Training muss, weil es gar kein Training gibt.
Wann Kallo eigentlich seinen Spitznamen bekommt, will ich wissen und Kallo so: „Hä?“
Ach so. Kallo ist sein Spitzname. Ich dachte der Spitzname gilt nur im JungBund, weil ihn jeder hier nur als Kallo kennt.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Geht dich doch nichts an.“
Muss ja ein ganz schöner Scheißname sein. Peinliche Scheißnamen hat man nur, weil die Eltern entweder einen übertrieben schlechten Geschmack haben oder weil sie denken, sie hätten einen unfassbar guten Geschmack. Meistens beides, und das Schlimmste, man wird noch nicht mal gefragt.
„Also Justin.“
„Alter, bist du behindert? Justin!“
„Kevin?“
Kallo rollt die Augen und schüttelt den Kopf.
„Aber jetzt nicht Jürgen, oder?“
Er sagt nichts. Schüttelt nicht den Kopf. Rollt nicht die Augen.
Volltreffer.
Ich komm’ mir vor wie beim Dings, sag schon, Rumpelstilzchen.
„Gibt’s’n da zu grinsen?“, fragt er, und ich denk’: Jürchen! So hat Paul ihn genannt, als er einfach mitten durchs Bild gelaufen ist. Und Paul kennt ihn nur als Kallo. Das heißt, Jürgen ist ein ernstzunehmendes Schimpfwort geworden.
Wie früher Horst.
Oder Detlef.
Ein Bettler hält Kallo seine Hand hin, in der drei Münzen liegen.
„Oh, danke“, sagt Kallo, nimmt die drei Münzen und geht weiter.
Ich glaube der Bettler hat gar nicht kapiert, was gerade passiert ist. Er schaut in seine leere Hand, dann schaut er Kallo hinterher, nochmal auf seine Handfläche und jetzt schaut er nach innen, in sein Hirn, ob ihm das vielleicht erklären könnte, was das gerade war.
Nichts passiert.
Kallo grinst.
„Vergiss Jürgen, vergiss Vincent“, sagt Kallo und steckt die Münzen ein.
„Wir sind Kallo und DreiNull!“
Und dann drückt er die Brust raus, macht ganz breite Schultern und versucht gefährlich zu gehen. Sieht erstmal ein bisschen schräg aus, denn Kallo ist zwar ziemlich groß, aber dünn wie keine Ahnung … aber auf jeden Fall viel dünner als ich, außerdem hat er merkwürdige Ohren. Viel zu groß und irgendwie falsch an den Kopf geschraubt. Aber weil er gerade so gefährlich durch unser Viertel läuft und weil er eben Kallo ist, lauf ich mit.
Legt euch nicht mit uns an.
Weißbrot und Kartoffel laufen durch Kanakenstadt.
Schon wieder ein gutes Gefühl.
Übertrieben gut.
An der Ecke steht Paul, steckt sein Handy ein und grinst.
Wieso grinst der denn jetzt so?