2 - Eva:

Die Schrittfolgen sind nicht das Problem, die kann ich mir gut merken. Aber jetzt müssen wir auch noch Body Percussion machen. Wir sind zu viert und dazu natürlich Aysha als Center. Die Musik ist so laut, dass man sie wahrscheinlich bis auf die Straße hört. Dabei sind wir im dritten Hinterhof.
Paul filmt, wir tanzen zu Camille. „Home is where it hurts“. Ich weiß nicht, wo Aysha diese seltsamen Songs immer findet. Vielleicht auf den Playlists ihrer Mutter, die ist ja schon etwas älter. Von uns jedenfalls hört niemand solche Musik.
Vincent, Pauls kleiner Bruder, kommt durch die Einfahrt. Er war wohl einkaufen, denn an seinen Händen baumeln zwei von diesen superdünnen, milchigen Hemdchen-Beuteln aus Polyethylen. Wieso geben ihm seine Eltern keinen Stoffbeutel mit?
Und wieso verschenken die türkischen Gemüsehändler diese PE-Beutel einfach?
Eine Belohnung für Vergesslichkeit?
Wenn ich einkaufen gehe und meinen Stoffbeutel vergesse, muss ich mir für 25 Cent eine Papiertüte kaufen, die ich dann mit schlechtem Gewissen so lange benutze, bis sie reißt.
Vincent bleibt hinter Paul stehen und stellt die zwei Gratis-Mikroplastikbomben auf dem Boden ab und wippt leicht mit dem Oberkörper, dann hat er den Beat und tanzt alle Moves mit, die Aysha vortanzt. Aysha und die anderen Mädchen haben Rhythmus in den Gliedmaßen oder Hüften, aber bei Vincent sieht es aus, als habe er den Beat in jeder einzelnen Zelle. Seine Bewegungen sind scharf und präzise. Sein Körper folgt keinem Takt, er ist der Takt und ich kann bis hier hinten bei den Mülltonnen spüren, wie er sich über die schwierigen Schritte und Moves freut, die problemlos aus ihm herausfließen.
Eigentlich müsste Paul sich mal umdrehen und seinen kleinen Bruder filmen. Wo er das bloß her hat?
Ob Paul sich auch so elegant und flüssig bewegen kann?
Würde ihm gut stehen.
Würde zu ihm passen.
Aber Paul filmt immer nur. Vielleicht weil Aysha seine Freundin ist. Vielleicht würde er auch gerne tanzen, aber weil er in meine beste Freundin verliebt ist, filmt er nur. Dabei merkt man, dass er ein super Gefühl für Bewegung hat, sonst könnte er unseren Tanz nicht so gut filmen. Wenn man sich die fertigen Videos anschaut, denkt man immer, die Kamera tanzt mit. Wahrscheinlich haben wir, also vor allem Aysha und Paul, auch deshalb schon über 14.000 Follower.
„Aus! Scheiße!“, brüllt er plötzlich.
Ich habe zunächst gar nicht mitgekriegt, was los ist, aber dann sehe ich diesen seltsamen Kallo, der aussieht wie ein durchtriebenes Frettchen mit zu großen Ohren, quer über den Hof laufen, und zwar einfach zwischen Pauls Kamera und uns durch.
„Wieso läufst du Vollhorn mitten durchs Bild?“
Wir drehen gerade unser Bewerbungsvideo für die International Dance-Competition und das darf nicht geschnitten werden. Zweieinhalb Minuten am Stück und es lief gerade richtig gut, keine Fehler, und wir waren fast durch. Und dann läuft dieser Kallo durchs Bild und jetzt müssen wir alles noch mal tanzen. Klar, dass Paul da ausrastet. Wir alle eigentlich.
Aber dieser Kallo lässt Paul einfach schimpfen. Scheint ihm völlig egal zu sein. Dabei ist er höchstens elf und dünn wie ein Essstäbchen. Paul ist sechzehn, muskulös und sportlich. Da wäre ich an Kallos Stelle vorsichtig, aber er ruft laut „Hey, Vincent!“, geht direkt auf Pauls kleinen Bruder zu und klopft ihm auf die Schulter.
Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass die beiden befreundet sind.