10 - Vincent:

Immer geht es um Geld.
Und immer gibt es deswegen Streit.
Unsere Abendessen waren eigentlich immer ganz gemütlich. Wir saßen am Tisch und haben über alles Mögliche geredet. Ich bin zwar nie zu Wort gekommen oder wenn, hat keiner zugehört, aber trotzdem, ich mochte unsere gemeinsamen Abendessen immer. In letzter Zeit ist es aber übertrieben nervig geworden. Weil, mein Vater ist … also war Journalist und hat für eine Tageszeitung hier geschrieben. Eines Tages wollten die, dass er irgendwie anders schreibt, aber er hat gesagt ‚ohne mich!‘
Und die von der Zeitung so: Okay!
Und das war’s dann.
Jetzt schreibt er nicht mehr für die Zeitung, sondern für irgendeine Plattform im Netz und er kriegt auch kein Geld mehr dafür. Und das findet meine Mutter eben voll daneben. „Dumm, verantwortungslos und naiv!“, sagt sie und mein Vater sucht nach Worten.
„Es geht ja schließlich auch um eine Überzeugung… um eine Botschaft…“ und dann stochert er irgendwie hilflos im Essen rum, wie ich, wenn mir keine passende Ausrede einfällt, und sagt „…eine Hoffnung“.
Und jetzt rastet meine Mutter komplett aus. Wie man bitte schön die Miete mit Hoffnung bezahlen soll. „Tach, Herr Vermieter, ich kann gerade nicht zahlen aber geben Sie die Hoffnung nicht auf. Oder wie?“, schreit sie und dann fliegt ein Teller.
Also an die Wand.
Kaputt.
Früher wäre der Teller nicht geflogen. Da hätten sie sich plötzlich angeschaut und dann gelacht, weil sie gemerkt hätten, wie lustig das eigentlich ist, dass der Vermieter die Hoffnung nicht aufgeben soll. Sowas kann nur meine Mutter. Im größten Streit so lustige Sachen sagen. Das macht sie nicht mit Absicht, das rutscht ihr so raus und meistens merkt mein Vater es als erster. Dann gucken sich die beiden einen Moment stumm an und dann prustet einer los.
In letzter Zeit nicht mehr so.
Da wird nicht mehr gelacht, da fliegt jetzt schon mal ein Teller oder Ähnliches.
Ich wollte eigentlich endlich mal vom JungBund erzählen und vom Floß und dass wir das selbst gebaut haben, und dass Tomate das Fahrrad repariert hat, aber die beiden wollen sich lieber streiten und jetzt ist der Teller kaputt und das Floß passt irgendwie nicht wirklich gut neben die Scherben.

Paul kommt nach Hause. Er checkt sofort, was Phase ist und geht direkt in unser Zimmer. Also, eigentlich ist es mehr sein Zimmer. Egal. Er verschwindet ohne ein Wort. Sowas regt meinen Vater wahnsinnig auf. Er will, dass wir eine Familie sind und dass es ein paar Dinge gibt, die einfach selbstverständlich sein sollten. Sich begrüßen zum Beispiel. Er sagt dann immer so Sachen wie „Hey Digga, wie war dein Tag?“ und denkt, das wär lustig.
Heute nicht.