1 - Vincent:
Kopf zerschmettert. Mit einem Wasserrohr.
Keine Ahnung, warum das alles so einwandfrei geklappt hat. Irgendwie war alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Ihre Eltern waren zum Einkaufen gefahren. Zusammen mit meinen Eltern. Deshalb waren wir alleine in diesem alten Steinhaus irgendwo in Italien. Umbrien, glaub ich. Sonst waren wir immer in der Toskana, aber Umbrien ist billiger. Ursprünglicher, meinte mein Vater. Jedenfalls saßen wir an dem großen alten Tisch im Garten. Sie hieß Elin und war neun, kam aus Island und war genauso hellblond wie ich mir Menschen von dort immer vorgestellt habe. Mit so Gletscheraugen, aber in lustig. Ich hieß, also ich heiße immer noch Vincent und damals war ich zehn. Also letzten Sommer. Wir sitzen da so und schauen uns an, was gerade so viral geht. Ein Krokodil beißt einem Elefanten den Rüssel ab, irgendein Wal springt aus dem Wasser und lässt sich auf eine Fähre fallen. Mit Absicht. So Sachen eben.
Und dann ist da plötzlich die Schlange.
Also nicht auf dem Handy, sondern an der Hauswand von diesem umbrischen Haus. Direkt hinter Elin. Ich sitze gegenüber von Elin, deshalb sehe ich, wie sie sich in den Mauerritzen die Wand hochschlängelt und sich wahrscheinlich jeden Moment auf Elin stürzen und sie bei lebendigem Leib verschlingen wird. Oder ihr Gift in Elins Adern spritzt. Oder sie erwürgt. Was Schlangen eben so machen.
Also sage ich: „Keine Bewegung!“
Zu Elin natürlich, nicht zur Schlange. Und Elin bleibt ganz ruhig sitzen und ich stehe auf und finde, kein Scheiß jetzt, sofort ein Wasserrohr. Musste mich nicht mal umschauen, nicht irgendwas suchen. Lag da einfach wie so ein Bonus im Gras.
Und ich…
Ich hab noch nie was getötet, also Fliegen, Ameisen und Mücken vielleicht, aber nichts Richtiges … ich nehm das Rohr und zerschmettere der Schlange den Kopf.
Elin ist gerettet.
Und als ich das am Abend Elins und meinen Eltern erzählen will, hören sie überhaupt nicht zu. Unterhalten sich über Waschbeton und Lasagne. Und so ist das immer. Als gäb’s mich gar nicht. Als wär’ ich gar nicht auf der Welt.
Da soll ich doch froh sein, sagt Paul, mein großer Bruder. Du kannst machen, was du willst. Du fliegst unterm Radar.
Ich hab aber keinen Bock unterm Radar zu fliegen. Auch wenn Paul sagt, dass es das Beste ist, was mir passieren kann. Weil Paul musste wegen jedem Scheiß tagelang diskutieren. Mehr Taschengeld, eigenes Handy, erst bis zehn raus, dann elf, jetzt Mitternacht. Dafür müsste ich ihm eigentlich noch etwas zahlen. Wenn ich mal so alt bin wie Paul jetzt, interessiert das alles keinen mehr.
Ich will aber, dass sich jemand dafür interessiert.
Dass meine Mutter mich mal fragt, was ich den ganzen Tag so gemacht habe. Dass mein Vater mir mal sagt, wo’s lang geht. Ich will Hausarrest oder Handyverbot. Klingt bescheuert, ich weiß, aber es dreht sich immer alles nur um Paul.
Paul ist betrunken nach Hause gekommen.
Paul hat eine Fünf in Mathe.
Pauls Versetzung ist gefährdet.
Paul, Paul, Paul.
Ist ja nicht so, dass ich ihn nicht mag. Ich finde ihn sogar ziemlich cool. Er macht zum Beispiel superkrasse Videoclips mit Aysha, seiner Freundin. Sie ist das unfassbarste Mädchen der Welt und tanzt zu völlig abgedrehter Musik in den Videos. Er zeigt mir immer die neuen Moves, die Aysha in den Videos bringt, und ich kann sie nachtanzen.
Aber dass sich immer alles nur um ihn dreht, ist zum Strahlkotzen.
Wenn Paul zum Beispiel nach Hause kommt und ohne Hallo zu sagen in sein Zimmer geht, dann ist richtig Alarm.
Wenn ich nach Hause komme, kann ich froh sein, wenn das überhaupt jemand merkt.