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# DreiNull 6 - Vincent
- URL: https://dreinull-roman.ghost.io/dreinull-6-vincent/
- Published: 2026-09-15T05:03:03.000Z
- Updated: 2026-09-27T16:00:01.000Z
- Author: Thomas Heinemann

**6 - Vincent:**

Dann sind wir endlich da und Leute, ich kann das nicht beschreiben. Ich kenne die Worte dafür nicht. Wenn es überhaupt welche gibt. Ein See im Wald, also Bäume, klar jede Menge, aber wie die Sonne da durch die Blätter glitzert… auf dem Boden Moos und Farn und Sonnenstrahlen und es riecht wie… also, wenn einem die Worte fehlen, sollte man vielleicht besser die Klappe halten. Bis heute an diesem Waldweiher, hatte ich einen Lieblingsgeruch, den ich auch nicht so richtig beschreiben kann, weil der geht damit los, dass man erstmal schulfrei haben muss, sonst funktioniert er nicht. Also schulfrei, frische Brötchen und Teer, checkt ihr? Alle müssen arbeiten, der Bäcker, die Straßenarbeiter und du selbst hast frei und läufst ganz gemütlich durch die Gegend und dann schleicht sich dieser Geruch in die Nase. 

Egal, wo war ich?  
Am See.  
Bei meinem neuen Lieblingsgeruch.  
Am geheimen Waldweiher.  
Wir sind ziemlich durchgeschwitzt und deshalb springen alle sofort ins Wasser. Normalerweise geh’ ich lieber ins Schwimmbad, da ist alles schön glatt und die türkisfarbenen Kacheln helfen nach, damit die Farbe vom Wasser stimmt. Naturwasser ist also eher nicht so mein Favorit. Ich mein’ da schwimmen immer so komische Sachen drin rum, bei denen man nie weiß, lebt das jetzt, beißt das oder ist es nur ein Blatt? Und auf dem Grund liegen irgendwelche Sachen, die man nicht sieht und dann eben drauf tritt.  
Autoreifen, Einkaufswägen, menschliche Überreste.  
Aber hier?  
Nichts davon.  
Der Boden ist so weich, dass man auch dafür ein neues Wort erfinden müsste. Waldwasserweich oder so. Kein Sand, aber auch kein Schlamm und das Wasser ist so klar, dass man nur am Schatten, den die kleinen Wellen auf den Grund werfen, und am Gefunkel obendrauf erkennt, dass da überhaupt Wasser ist.  
Natürlich hält das schöne Bild nicht lang, weil wir sind ungefähr 20 Leute und wir wollen alle rumtoben und uns nass spritzen und was Besseres gibt es gerade nicht. Also fliegen jetzt Millionen glitzernde Wasserperlen durch die Luft und ich kann mich nicht erinnern, jemals sowas Schönes gesehen zu haben, was gleichzeitig so viel Spaß macht.  
Die Rumtoberei dauert so ungefähr eine halbe Stunde und dann schreit Tomate ‚Alle raus! Wir bauen ein Floß!‘  
Und echt jetzt, das haben wir dann auch gemacht. Manche haben kleine Beile dabei und Messer. Tomate hat sogar eine Säge. Wir rennen in den Wald und keine fünf Minuten später kommen alle wieder zurück mit Ästen und Baumstämmen und wir binden alles so zusammen, dass am Ende ein echtes Wunder am Seeufer liegt.  
Ein Floß, das genau so aussieht, wie man sich ein Floß vorstellt und dann kommt Wunder Nummer zwei: Es schwimmt!  
Ich mein’, ich hab schon von Flößen in Büchern und Geschichten gelesen, aber das hier ist echt und wir haben es selbst zusammengebaut. Und es schwimmt. Trägt locker fünf Leute.  
Wir paddeln mit den Händen raus auf die Mitte des Sees und dort, wo kein Baum mehr einen Schatten wirft und man durch das dunkelblaugrüne Wasser nicht mehr sehen kann, was auf dem Grund verborgen ist, springen wir vom Floß ins Wasser, klettern wieder rauf und springen wieder rein.  
Hechtsprung, Arschbombe, Seemanns-Köpfer, egal.  
Manche machen einen halben Rückwärtssalto.  
Kann ich auch.  
Mach ich auch.  
Zweimal, dreimal und dann trau’ ich mich und versuche einen Vorwärtssalto. Vom Floß. Das ist nicht ohne, denn das Floß ist gerade mal fünf Zentimeter höher als das Wasser und vor allem, es gibt nach, wenn man abspringt.  
Klappt aber und ich springe einen echt gelungenen, sehr eleganten eineinhalbfachen Salto und tauche sauber, fast ohne Spritzer mit dem Kopf zuerst ins Wasser.  
Und alle applaudieren.