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# DreiNull 4 - Vincent
- URL: https://dreinull-roman.ghost.io/dreinull-4/
- Published: 2026-09-10T07:00:30.000Z
- Updated: 2026-09-27T16:01:22.000Z
- Author: Thomas Heinemann

**4 - Vincent:**

Wir kommen an Kayas Gemüseladen vorbei. Auf der Scheibe glänzt die schöne rote Schrift mit den goldenen Schatten in der Abendsonne. KAYA steht da und darunter, etwas kleiner Lebensmittel - Obst - Gemüse. Hab ich schon als ganz kleines Kind geliebt, diese Schrift. Da konnte ich noch gar nicht lesen. Kallo nimmt sich einen Apfel aus der Auslage und geht weiter, als wäre das völlig normal. Ich denke, das kann er doch nicht machen, so ein Apfel kostet mindestens 50 Cent, ist ja schließlich was anderes, als wenn man mal eine Traube probiert. Das ist völlig okay bei Kaya. Ich drehe mich nervös um. Hoffentlich hat Kaya das nicht gesehen.  

An der nächsten Ecke hält ein schwarzer Kleinbus. Mercedes Vito, Edelausstattung, todesgeile Alufelgen, getönte Scheiben, elektrisch öffnende Türe und wer steigt aus? Sieben oder acht völlig abgerissene Typen. Zwei mit Krücken, die sie eigentlich nicht brauchen, zwei andere mit nur einem Arm.  
„Schichtwechsel“, sagt Kallo.  
Tatsache. Die einen steigen aus, die anderen ein. Ich könnte sie nicht unterscheiden. Höchstens an irgendwelchen fehlenden Körperteilen.  
Überhaupt, wenn ich mit Kallo unterwegs bin, sehe ich plötzlich Sachen, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren. Zum Beispiel der junge Typ da mit der ewig weiten Jeans, die so tief sitzt, dass man den Po sehen könnte, wenn er keine Unterhose anhätte und dieser riesigen gelb-rot-grünen Wollmütze auf dem blauschwarzen Kopf. Liegt in der Einfahrt neben dem Aldi und schläft tief und fest.  
Einfach so.  
Auf dem Boden.  
Und die zwei Typen, die sich laut mit einer alten Frau streiten, die fast keine Zähne mehr im Mund hat und die in einer Sprache rumschreit, die sich anhört wie erfundenes Italienisch. „Die zwei stehen jeden Morgen am Bulgaren-Strich und warten auf einen Job, dabei sind die aus Rumänien. Gibt natürlich jedes Mal Ärger.“, sagt Kallo.  
„Was ist denn der Bulgaren-Strich?“  
„Alter, seit wann lebst du denn hier? Morgens um sieben stehen alle Bulgaren immer hier an der Ecke, dann kommt irgendein Häuptling und liest vor, was er heute braucht. Klempner, Dachdecker, Zimmerleute oder einfach nur Zeug in Regale räumen. Und jeder, der eine von den Sachen beherrscht, meldet sich und kriegt dann vielleicht einen Job. Für einen Tag. Weil morgen geht das Spiel wieder von vorne los.“  
„Okay und wieso Strich?“, frage ich und Kallo schaut mich an und schmeißt sich weg vor Lachen.

Unser Viertel hat mir immer gut gefallen. Hier ist wenigstens was los. Paul, Aysha und ich haben mal Eva, Ayshas beste Freundin von zuhause abgeholt. Schicke Häuser, aber total tote Gegend. Keine Geschäfte, keine Lokale und auf den Straßen nur Menschen, die ihre Hunde ausführen oder schnell in ihre Autos steigen. Aber hier in der Landwehrstraße sind immer Menschen unterwegs und die meisten haben keine Hunde und schon gar keine Autos. Es gibt jede Menge seltsame Geschäfte. Man kann sich Dreadlocks machen oder die Fingernägel polieren lassen, Zahngold gegen Geld eintauschen oder E-Mails schreiben, auch wenn man keinen eigenen Computer hat, aber wenn ich mit Kallo unterwegs bin, frage ich mich oft, ob sich wirklich so viel verändert hat, oder ob es mir früher einfach nicht aufgefallen ist, weil ich da ja eigentlich noch ein Kind war. Okay, mit elf ist man offiziell auch noch Kind, aber eben anders als mit sieben, acht oder neun.  
„Also, bis Samstag“, sagt Kallo und dann fragt er noch, ob ich ein Fahrrad habe.  
Ein Fahrrad?  
„Ja, wir machen eine Tour an den geheimen Waldweiher!“  
Na super. Ich habe zwar ein Fahrrad, aber das darf man nur so nennen, weil es Räder hat und fährt. Mehr oder weniger. Eigentlich ist es ein Müllhaufen.  
Habe ich natürlich Paul zu verdanken.  
Wie immer.  
Wie alles.  
Ich glaub’, ich habe noch nie was Neues bekommen, immer nur die alten Sachen von Paul und weil der echt eine Schlappsau ist, sieht das Fahrrad so aus, wie es eben aussieht und dann ist auch noch die Schaltung kaputt. Man kann nur noch in einem Gang fahren. Also, wenn ich beten würde, dann dafür dass, unterwegs keine Berge auftauchen. Aber ich bin ja nicht in Reli, sondern in Ethik. Also bete ich nicht.