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# DreiNull  29  Vincent
- URL: https://dreinull-roman.ghost.io/dreinull-29-vincent/
- Published: 2026-10-15T07:00:00.000Z
- Updated: 2026-10-15T06:59:59.000Z
- Author: Thomas Heinemann

29 - Vincent:

Es ist total still, also so richtig verdächtig still, als ich die Haustüre aufschließe. Vielleicht ist ja niemand da, denke ich. Aber es ist schon fast sieben, also ist meine Mutter mit der Arbeit fertig und mein Vater ist ja sowieso die ganze Zeit zuhause, wie so ein Arbeitsloser. Naja, ist er ja schließlich auch.  
Also wo sollten die sein?  
In der Küche sitzen sie.  
Am Tisch.  
Und schauen mich an.  
Habe ich was kaputt gemacht oder vergessen oder hab ich Geburtstag? Geburtstag schon mal nicht. Erstens weiß ich ja wohl noch, wann ich Geburtstag habe und zweitens sind das keine Geburtstagsaugen, die mich da angucken.  
Ich warte besser mal ab, bevor ich was sage. Obwohl - ‚Hallo‘ könnt’ ich schon sagen, das wär’ sonst komisch.  
„Hallo“, sag’ ich also, und dann rutscht mir doch noch so ein blödes „Ist was?“ raus und meine Mutter legt etwas auf den Tisch.  
Meinen JungBund-Button.  
Super, den hab ich schon gesucht.  
Aber wo hat sie den her?  
Und warum guckt sie so komisch?  
Und was ist mit meinem Vater?  
Der guckt auch seltsam, aber ganz anders als meine Mutter, mehr so Augenbrauen hoch, Kopf ganz leicht am Wackeln, wie wenn man beim Erzählen übertreibt oder was erfindet. Und meine Mutter schaut mich an, schaut den Button an, macht mit den Händen so eine „‚Tadaaa!‘-Bewegung“ und guckt wieder zu mir.  
„Super, danke“, sage ich und will den Button nehmen.  
„Willst du mir das nicht mal erklären?“, fragt sie. Was meint sie denn mit erklären?  
„Habe ich schon überall gesucht, danke.“  
„Das meine ich nicht. Ich meine, wo hast du den her?“  
Was ist denn das jetzt für’ ne Frage?  
Den kann man doch nicht irgendwo kaufen. Da muss man schon …  
„Gefunden“, sag ich schnell. Weiß auch nicht warum, aber irgendwas stimmt mit meiner Mutter gerade nicht.  
„Gefunden?“  
„Ja … ?“  
Sie steht auf, nimmt den Button und geht zur Küchenzeile und macht die Türe unterm Spülbecken auf und sagt: „Super, dann kann ich den ja wegschmeißen. Sowas will ich nicht hier in der Wohnung haben.“  
Und jetzt schmeißt sie den Button in den Mülleimer.  
Geht’s noch?  
Sie macht die Schranktüre wieder zu und kommt zurück an den Küchentisch und setzt sich. Mein Vater rollt mit den Augen.  
Ich überlege, was ich jetzt am besten mache, aber dann denke ich mir, egal, geh’ zur Spüle und hol den Button aus dem Abfalleimer. Irgendwas Glibberiges klebt da dran.  
Eklig.  
Ich reiß mir ein Zewa ab und mach den Button sauber.  
„Erklärst du mir jetzt mal bitte, wo du das her hast?“  
Voll die Kack-Sozialpädagogin, echt jetzt.  
Das ist nicht nur glibberig, sondern auch klebrig.  
„Vincent?“  
„Lass mal gut sein, jetzt“, höre ich meinen Vater sagen.  
„Bisschen Lagerfeuer, jeden Tag ’ne gute Tat. Pfadfinder eben …“  
„Ich denk’, du bist Journalist? Aber so ein ganz blinder, ja? Einer, der so einen Brainfuck immer erst erkennt, wenn er gedruckt ist, oder was?“  
„Ach, jetzt komm mir doch nicht wieder so, ja?“  
„Ich hab doch schließlich jeden Tag mit Jugendlichen zu tun, ich weiß genau …“  
„Einen Scheiß wisst ihr! Ihr habt doch gar keine Ahnung! Euch interessiert doch nie irgendwas!“  
Ich geh’ in mein Zimmer und knall die Türe zu.  
Musste sein jetzt.

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