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# DreiNull 14 - Vincent
- URL: https://dreinull-roman.ghost.io/dreinull-14-vincent/
- Published: 2026-09-24T07:00:43.000Z
- Updated: 2026-09-27T15:57:11.000Z
- Author: Thomas Heinemann

**14 - Vincent:**

Une journée de merde, ein beschissener Scheisstag, singt Stromae. Mein Vater hat mich draufgebracht, neulich, als er von der Grundsicherung geredet hat und davon, dass er wieder zu seinen Eltern zieht. Offiziell. Also war es ein Scheisstag für ihn und deshalb ist mir das Lied von Stromae wieder eingefallen. Das ist der Lieblingssänger von meiner Mutter, also eigentlich schon uralt, aber ich hab mir das Lied nochmal angehört, weil es trotzdem ganz cool ist. Ich suche nach einem Video dazu und dann entdecke ich diese drei Tänzer und echt jetzt, das ist übertrieben krass, was die da zusammentanzen. So ganz anders als Aysha tanzt.  
Mehr so, als würden sie eine Geschichte erzählen. Sie ziehen sich selbst an ihren Haaren hoch, als würden sie irgendwo im Sumpf stecken, sie kratzen sich am Po, sie geben sich kleine Ohrfeigen wie im Theater, und ich spüre diesen Scheisstag der genauso ist wie jeder andere beschissene Tag. Ich verbinde die kleine Box mit dem Handy, max. Volume, spiel den Clip ab und tanze mit.  
Ich muss es mir echt drei- oder viermal anschauen, bis ich mir die ganzen Moves merken kann, aber dann fliege ich wieder. Ich brauche keine 21 Gänge, es geht wie von selbst. Ich brauch nur diesen langsamen, etwas stampfigen Beat, meine Beine und meine Arme.  
Keinen Kopf.  
Keine fliegenden Teller, keine rumschreiende Mutter, keinen stammelnden Vater, keinen Stress mit den Arabs. Alles weg. Ich dreh mich und dreh mich und dreh mich und bin weg. Einfach im Lied verschwunden.  
Und dann steht plötzlich Kallo im Raum.  
Wie kommt der denn hier rein?  
Wie lange ist der schon da?  
Mein Stammel-Vater muss aufgemacht haben, klar, denn meine Schrei-Mutter ist arbeiten und wahrscheinlich wollte mein Vater auch an der Zimmertüre klopfen, weil wir das eben so machen bei uns zuhause, aber Kallo war schneller.  
Also, Kallo würd’ ich sowas zutrauen. Einfach an meinem Vater vorbei in die Wohnung und die Türe ohne Klopfen aufgerissen und da steht er.  
Ich mache das Handy aus.  
„Was ist? Auf geht’s, der JuBu ruft!“ Er ist viel zu laut, völlig aufgedreht und er hat neue Klamotten an. Einfarbig beige und blau, keine Muster. Irgendwie elegant, aber total schlicht. Dezent. Erinnert mich an etwas, aber ich komme gerade nicht drauf.  
Oder?  
Haben die beim JungBund nicht auch alle solche Klamotten? Die haben ja keine Pfadfinder-Kluft, sondern ganz einfache Hemden und Hosen in beige, hellblau und hellgrau. Hört sich langweilig an, ich weiß, aber es sieht nicht langweilig aus, sondern irgendwie stylish.  
„Neue Klamotten?“, frage ich und Kallo dreht sich einmal um seine eigene Achse, als wär' ich der Spiegel. „Cool, oder?“  
Ja, schon irgendwie.  
„Was war’n das für’ne Scheißmusik eben?“  
„Keine Ahnung. Irgendwas aus Frankreich.“  
„Ohlala, musette schwulette?“, sagt er und tut so, als wär das Französisch.  
Unfassbar peinlich, das Ganze.  
„Und du tanzt dazu? Echt jetzt?“  
„Ich tanz’ doch nicht. Ich wollte nur mal wissen, ob das echt so schwer ist wie die immer tun.“  
„Sieht voll schwul aus.“  
„Genau“, sag’ ich schnell, „und ist auch gar nicht so … also, kann jeder Zweitklässler.“  
„Aber nur, wenn er schwul ist.“  
Und jetzt schmeißt er sich wieder weg vor Lachen. Ich zieh’ die Mundwinkel nach oben und denk’ mir im gleichen Moment, dass das todesdämlich aussehen muss, weil ich ja eigentlich gar nicht lache.  
Ich lächle nicht mal.