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# DreiNull 11 - Vincent
- URL: https://dreinull-roman.ghost.io/dreinull-11-vincent/
- Published: 2026-09-21T07:00:00.000Z
- Updated: 2026-09-27T15:58:07.000Z
- Author: Thomas Heinemann

**11 - Vincent:**

Heute bleibt es still.  
„Ich mach dann mal Hausaufgaben“, sag ich in die Stille.  
Ist totaler Quatsch, wir haben gar nichts auf, aber ich mag diese Art Stille nicht. Außerdem muss ich Paul endlich mal erzählen, dass sein altes Fahrrad jetzt wieder voll okay und superschnell ist.  
Er freut sich sogar drüber.  
Hätte ich gar nicht gedacht.  
Ich will Paul gerade von der Fahrradtour mit dem JungBund erzählen, da geht die Türe auf und „Hey, Digga…“  
Kommt er also doch noch. Paul rollt die Augen, aber so, dass mein Vater es nicht sieht.  
„Ja, ich weiß…“, sagt Paul. „Ich dachte nur, ihr unterhaltet euch gerade so gut, da wollt ich nicht stören.“  
Ihr unterhaltet euch gerade so gut?  
Sein Ernst jetzt?  
Natürlich nicht.  
Sowas kann Paul. Und er muss kein bisschen lachen, nicht einmal das Gesicht verziehen.  
„Heute mal wieder witzig?“, sagt mein Vater, aber er wirkt nicht so, als würde er jetzt ein Riesentheater machen. Er seufzt und setzt sich auf die Bettkante. Paul merkt sofort, dass heute etwas anders ist.  
„Wie war dein Tag?“, fragt er also plötzlich ganz ruhig und ernst.  
„Ein Scheißtag“, sagt mein Vater und sofort hab ich diesen Song von Stromae im Kopf. Mauvaise journée. Da gibt es die Zeile Journée de merde und ich hab immer gedacht, es geht um die Reise einer Kackwurst durch den Körper, bis sie endlich im Klo landet. Ich hab ja noch kein Französisch und Journée und Journey, egal… was sagt er da?  
Dass er jetzt wieder zu seinen Eltern zieht.  
Bitte was?  
„Nur offiziell, in echt bleib’ ich natürlich hier.“  
Paul will wissen, warum.  
„Wegen der Grundsicherung“, sagt er und dann noch „Wegen der Zeitung, die mich rausgeschmissen hat, nur weil ich mir nicht den Mund verbieten lasse. Ich bin ja schließlich Journalist.“  
Mein Vater zieht zu seinen Eltern?  
Wie schräg ist das denn bitte?  
Wenn er hier gemeldet bleibt, erklärt er, kriegt er keine Grundsicherung, dann müssten wir mit dem bisschen Geld auskommen, was meine Mutter verdient und das reicht nicht. Also jedenfalls nicht, wenn wir so weiterleben wollen wie bisher.  
Als hätten wir irgendwie fett gelebt.  
Ich meine, ich muss Pauls alte Klamotten tragen und mit seinem alten Fahrrad rumfahren. Von Tomate und den einundzwanzig neuen Gängen erzähl ich jetzt mal lieber nichts.  
„Jedenfalls melde ich mich jetzt um, nur damit ihr Bescheid wisst und euch nicht irgendwo verplappert. Also, ich wohne jetzt wieder bei meinen Eltern. Alles klar?“  
„Ja, aber wenn es klingelt und du hier bei uns bist?“  
„Wenn ich hier bin, dann nur weil ich Mittagessen mache oder die Wäsche…“  
„Die Wäsche?“ Da muss nicht nur Paul grinsen.  
„Oder so, ist doch scheißegal… offiziell wohne ich jedenfalls jetzt wieder bei meinen Eltern!“  
Und dann geht das Gejammer über die Affen in der Regierung wieder los und er schimpft über die Welt, die jetzt endgültig vor die Hunde geht.  
„Ja okay“, sagt Paul zu meinem Vater. „Voll interessant, aber ich muss jetzt echt noch viel lernen.“  
„Soll ich dir helfen?“, fragt mein Vater. Ich spür’ richtig, wie stolz er ist, dass ihm das noch eingefallen ist. Ist doch cool, seinem ältesten Sohn bei schwierigen Aufgaben zu helfen.  
Mich hat er noch nie gefragt.  
„Nur Vokabeln. Vincent kann mich abfragen“, sagt Paul. Na super.  
„Okay, ihr macht das schon“, sagt er und schließt die Türe hinter sich.  
Und wenn man meinen Vater ein bisschen kennt, dann merkt man, dass er gerade ein wenig erleichtert ist.